Witkacy wurde 1885 geboren, starb 1939 (Selbstmord), verbrachte die Jahre 1914-18 in Rußland, geschult durch Revolutionen aller Art. Ab 1918 war er führender Theoretiker des Krakauer "Formismus", einer Gruppe bildender Künstler, die heftig gegen den Impressionismus und vor allem den Naturalismus polemisierte. Witkacys Dramen, mittlerweile bereits oft verglichen mit Jarrys "Ubu roi" und Artaud, mit Ionescos Grotesken, sind ein bedeutender Beitrag zur Dramatik des Absurden. Sie entstanden in den Jahren zwischen 1918 und 1927, dann folgten zwei Romane; der zweite ist die "Unersättlichkeit" (1930).

Über den Roman als literarische Gattung hatte sich Witkiewicz früher geringschätzig geäußert – ein Sack, in den man sämtliche Ideen, die man gerade hat, hineinstopfte. Wahrscheinlich ist auch diese Äußerung nur polemisch zu verstehen, denn in die "Unersättlichkeit" hat Witkacy keineswegs wahllos alles hineingestopft; seine Ideen, sind im Gegenteil wohlüberlegt organisiert. Auch seine theoretischen Schriften zum Theater ergeben keine geschlossene Theorie. Es wird immer wieder versucht, aus den Dramen selbst so etwas wie eine "Philosophie Witkacy" herauszuschälen. In der "Unersättlichkeit" scheint sich Witkiewicz herzhaft über diese Versuche zu mokieren, über Theorie der Kunst, über Philosophie, Religion und Metaphysik, über Psychologie und Politik, über die Welt, die ihn umgab.

Witkacys Welt? Revolution, Kriegsende (und die "Reiterarmee"), Gründung eines polnischen Staates, eines Pufferstaates im "cordon sanitaire": Angst, Militarismus. Pilsudski. "The roaring twenties", Jazz in Luxushotels. Sigmund Freud, Husserl, Russell, Hartmann, Nietzsche, Tolstoj, Dostojewskij. Deutscher Expressionismus, Kubismus, Futurismus und der "Untergang des Abendlands". Das Schlagwort von der "gelben Gefahr". Bolschewismus in Moskau und an Polens Grenzen, nationale Besinnung im Westen Polens...

In der "Unersättlichkeit", einem Roman, der im Wilpert ein wenig unglücklich als "utopisch" (aber auch als "lyrisch-erotisch") bezeichnet wird, erkennt man diese Welt Stück für Stück, auch wenn die Handlung am Ende dieses Jahrhunderts spielt. Polen ist "in einer Welt chronischer Revolutionen" das "letzte Bollwerk", Bollwerk gegen die "lebendige chinesische Mauer"; es erwartet die "Epoche des kompromißlosen Niedergangs". "Die Isolierung, vielmehr die einstweilige Illusion der Isolierung, währte vor allem deswegen, weil keiner der bolschewisierten Staaten des Westens Lust hatte, sich in der scharfen chinesischen Soße bis zu Ende bolschewisieren zu lassen. Trotz der Grundsätze der allgemeinen Revolution wurde Polen von allen Regierungen der Welt in einem künstlichen Konservatismus erhalten mittels riesiger Geldsummen, die von der kommunistischen Propaganda abgezweigt wurden (man hatte einfach niemand mehr zu bekehren) – dafür war Polen ein Bollwerk, einstweilen beinah ein glückliches in seiner Gelähmtheit."

Das Glück ist freilich nicht von Dauer. "Die absolute Isolierung ließ sich nicht aufrechterhalten, nicht einmal mittels unerhört vorsichtiger Paßvorschriften und systematischer Fälschungen der Nachrichten in der ganzen Presse, die nur noch ein einziges großes, beinahe geschlechtliches Organ der Gesellschaft Nationaler Befreiung war." "... das Kino begann langsam, aber systematisch zu schwinden. Nur noch in irgendwelchen Buden in den Vorstädten bewunderten die letzten star-besessenen Kretins verdunkelte Filmstars und zweihundertprozentige Ideale männlicher Scheußlichkeit und Vulgarität im Zustand völliger Zersetzung. Auch das Radio..." "Die ... gleichgeschaltete Presse konnte sich nicht genug tun in der intensiven Bearbeitung der Meinung durch die ständig wachsenden Tageszeitungen nach den Doktrinen der betreffenden Parteien – die Parteien waren fast verschwanden –, es herrschte allgemeine Übereinstimmung."

Auf diesem Hintergrund spielt die "Unersättlichkeit".

Der "Übermensch" des Romans, der Generalquartiermeister (das ist: Staatschef) Kocmoluchowicz (geschrieben auch: Kotzmoloukhowich), ist nur bedingt Held des Romans. Er ist vielmehr der Held des Romanhelden, der Meister des "väterlichen Terrors", der Meister komischer Perversitäten im Privatleben (streng geheim natürlich), er ist eher eine Vision der Größe als die Größe selbst, von seinen Untertanen so erträumt und erphantasiert. Ein paar Offiziere und Aristokraten planen seinen Sturz, erfolglos, versteht sich.