Held der "Unersättlichkeit" ist. Genezyp Kapen de Vahaz, verarmter Graf und verhinderter Bierbrauer. Genezyp wächst im aristokratischen Milieu auf, eine alternde Fürstin, eine, die sich vornehmlich mit mittel- und erfolglosen Künstlern umgibt, führt ihn ins Leben ein und will etwas aus ihm machen. In ihrem Bett wird Genezyp zum Faschisten.

Auf der Offiziersschule erlebt er die Disziplin und den bedingungslosen Gehorsam – er wird "automatisiert". Durch Zufall und verschlungene Familienbande wird er mit der geheimen Geliebten seines Helden, des Staatschefs, bekannt – der Schauspielerin Persy, die ihn quälen, den Kocmoluch aber lieben will. Genezyp heiratet schließlich das Dienstmädchen jener Fürstin, im Rausch der Hochzeitsnacht erwürgt er sie, befallen vom Schauer der Metaphysik. Bereits früher "geistig sterilisiert durchs Militärwesen",geht Genezyp dann an die Front, wo der Kocmoluch chinesischer List und Tücke zum Opfer fällt, wohingegen er, Genezyp, das Drama überlebt, weil er nur Adjutant und jeden Schicksalsschlag gleichgültig hinzunehmen gewohnt war (auch, daß ihm endlich die Geliebte des Generalquartiermeisters, die angebetete Persy, "zufällt"; die Fürstin war sozusagen standesgemäß auf den Barrikaden umgekommen). Kocmoluchowicz wird von den Chinesen geköpft, nicht als Kriegsverbrecher, sondern weil er im Namen der Menschheit den sinnlosen Kampf vor Beginn abgebrochen hatte... Das ist das eigentliche Ende der "Unersättlichkeit": Er, der dunkle, hysterisch bewunderte Held ("Ein Weib sein, um sich ihm, ihm, ihm .. ."), er ist gefallen. Für Genezyp hat das Leben jeden Sinn verloren ...

Nach all dem wäre es einigermaßen grotesk, den Begriff Unersättlichkeit als eine persönliche Empfehlung Witkacys zu einem philosophischweltanschaulichen Gebilde zu verstehen. Überhaupt muß man wohl sehr vorsichtig vorgehen, will man aus den Gesprächen und Disputen des Romans die Meinung des Autors destillieren.

Was die Ausfälle gegen den Realismus betrifft, so scheinen sie sich noch am ehesten mit Witka-:ys Ansichten zu decken. Das stilistische Prinzip des Romans, das ins Auge fällt, ist die Hyperbel, die satirische Übertreibung. Ein anderer Kunstgriff ist, in dieser Welt der Überdimensionen die gängigen Phrasen der zwanziger Jahre beim Wort zu nehmen, auch anmaßende Zitate aus Werken der polnischen Klassik, Schlagworte der Philosophie und Psychologie und Politik. Das heißt: Witkacys "Helden" fühlen nicht nur metaphysisch, sie reden und denken auch so.

Es geht in der "Unersättlichkeit", wie in den Dramen Witkacys, nicht ohne Wiederholungen gab. gewiß (ausgenommen das Kapitel "Wiederholung"), mancher Disput ist, wie geistreich er immer sein mag, zu lang. Trocken liest sich besonders der Anfang. "Unersättlichkeit" ist dennoch bei allen Einwänden der grandiose Versuch der totalen Satire. Die "Moral" des Romans ist das Lachen, ist nicht freundlich-verbindliche Heiterkeit, sondern das kalte, lautlose Kichern. Die Welt ist eine Farce, sie hat den Stellenwert einer grausigen Metapher.

Zur Übersetzung ist nachzutragen, daß sie sich wider Erwarten erstaunlich glatt liest, so, daß man über die bekannten Schwächen Tiels (allzu wörtliches Übersetzen, Polonismen im weitesten Sinn, Schwierigkeiten besonders bei Abstrakta, Mißgriffe in der Satzstellung und so fort) hinwegzusehen geneigt ist. Der Witkiewicz von Tiel ist weit besser als gewisse Gombrowicz-Texte desselben Übersetzers.