Wenn Sies nicht selbst erlebt, haben, werden Sie nie begreifen. Es ist dann, als kämen Sie aus einer anderen Zeit oder von einem ändern Stern zu uns herabgeschwebt — Ihre Erfahrungswelt anders als unsere. Ihre Reaktionen ohne Beziehung zu unseren; daher zielen Ihre Fragen daneben, und unsere Antworten bleiben Ihnen unverständlich. Ihr Verhalten erinnert mich an den idiotischen amerikanischen Leutnant damals, 1945, der mich die Chaussee entlanghumpeln sah und mich in seinen Jeep einsteigen ließ und dann zu fragen anfing: Wieso habt ihr Deutschen all das getan? Habt ihr denn nicht gewußt? Natürlich haben wir gewußt. Wir alle; auch die, die ihren Frauen und Kindern und sich selber vormachten, sie wüßten nicht. Es gibt Dinge, die der Mensch einfach weiß. Dies war eines davon. Es spaltete das Bewußtsein der Leute und gab ihrer unsterblichen Seele einen doppelten Boden, wie in einem Schmuggelkoffer. Sie erinnern sich, wie nach dem Krieg Ihnen jeder sagte, er wäre ja immer gegen die Brutalität gewesen und gegen das, was mit den Juden gemacht wurde, und gegen den Überfall auf die vielen Länder.

Heuchler? — Wenn Sie überhaupt begreifen wollen, streichen Sie das Wort aus Ihrem Duden. Es gehört in eine andere Zeit, auf einen ändern Stern. Heuchelei, wie ich Ihnen bereits auseinanderzusetzen mich bemüht habe, ist nicht das Grundübel. Was denn? Ich befürchte, es gibt dafür kein Wort, in keiner Sprache. Es ist etwas, das aus Tiefen stammt, in die niemand zu blikken wagt: ein Gefühl so fürchterlich und mit solcher Wucht an einem zerrend, daß man sich hütet, es Gestalt annehmen zu lassen oder an es zu denken oder ihm einen Namen zu geben. Und doch, ist es dieses Gefühl, das in solchen Zeiten die Gedanken des Menschen und seine Rede formt, ihm die Stimme verändert und entstellt, die Knie zittern läßt, den Schweiß auf die Handflächen treibt.

Sie sagen: Gewissen. Das beweist nur wieder, daß ich an Ihnen vorbeigeredet Habe. Gewissen . Ich habe Männer mit Seelen so empfindsam wie die der keuschesten Jungfrau ändern Männern auf den wehrlosen Leib springen und ihnen die genagelten Stiefelabsätze in die Nieren stoßen sehen. Außerdem — warum soll ich überhaupt etwas erklären müssen, Ihnen oder irgend jemandem. Ich habe mich für nichts zu entschuldigen. Es ist ein Wunder, daß ich nicht seit über zwanzig Jahren tot bin, ein Skelett minus Schädel, in einem Grab ohne Namen, wie Judith, wie Linda. SehenSie sich mein verkrüppeltes Bein an: es war nie richtig geschient worden. Die Ärzte meinen, sie könnten es mir noch einmal brechen, und dann würde es gerade zusammenwachsen; ganz schmerzlose Operation, übrigens; aber warum das Theater, mein Hinken gibt mir eine persönliche Note, was habe ich denn sonst, das mich von dem Nächstbesten unterscheidet? Meine Augen, Stirn, Mund, die Form des Kinns? Gesichter wie meins gibt es zu Dutzendetu Judiths und Lindas dagegen— das war keine Dutzendware. Ich will nicht behaupten, daß Linda oder Judith oder gar beide als Schönheiten zu bezeichnen gewesen wären; aber sie hatten etwas: in ihrer Haltung, im Augenausdruck. Das gestattete keine Annäherung; es veranlaßte sogar die Polizei zu zögern, bevor man sie anrührte. Zurückblickend möchte ich meinen, es waren die vorausfallenden Schatten, die Judith und Lirida von uns anderen schieden.

Ich liebte sie beide, so wie wir alle in der Gruppe. Es war eine Art von Liebe, stelle ich mir vor, wie sie wohl auch die Offiziere der heiligen Johanna empfunden haben mußten, sobald sie den Zauber, des Mädchens spürten. Nicht daß Judith ihre Stimmen gehabt hätte, oder gar Linda; sie bedurften keiner Stimmen; sie hatten ihren Glauben, an die Menschen, und daß man die Menschen durch Aufopferung und Beispiel aufrütteln könnte; ein ganz unweltlicher Glaube, unrealistisch, und doch so stark, daß er uns andere mitriß.

Sie waren nicht Schwestern. Judith stammte, soviel ich weiß, von der Mutter her aus dem Kleinadel, auf Vaterseite waren wohl meist Verwaltungsbeamte gewesen; Lindas Angehörige waren völlig unbedeutende Leute, der Yater im Ersten Weltkrieg gefallen; sie hielt sich an der Universität nur durch ihre große Begabung, die den Behörden ein Stipendium nach dem anderen abnötigte. Aber in den Monaten vor ihrer Verhaftung wurden sie immer mehr wie Schwestern, wie Zwillinge fast: so sehr, daß die eine einen unvollständigen Satz, einschließlich Ton und Gestik, genau da aufgreifen konnte, wo die andere ihn abgebrochen hatte. Sie waren unzertrennlich, es sei denn, daß die Pflicht, die sie sich selbst auferlegt hatten, sie zwang, sich fern voneinander zu bewegen, und sie hatten die gleiche leise Art, sich von einem zurückzuziehen, wenn man, wie es beim Abziehen von Flugblättern oder beim Abhören einer gedämpften Radiostimme wohl geschehen mochte, mit der Hand der einen oder dem Ellbogen der anderen in Berührung kam., Ich war gegen ihren Plan, von Anfang an. Ich besaß nicht die Stärke ihres Glaubens und betrachtete daher die Lage nicht so wie sie; ich wußte um das namenlose Gefühl, das die Menschen in Bann hielt; und selbst in Anbetracht der Niederlagen im Osten und der Niederlagen im Westen war ich nicht der Auffassung, daß nur ein Fanal notwendig war, damit die Leute sich erhoben.

Aber mit Argumenten konnte man Judith und Linda nicht schlagen, und meine diesbezüglichen Versuche, das will ich gestehen, waren auch nicht sehr energisch. Man kam sich dabei so kleinmütig vor; und was konnte man wirklich erwidern, wenn Judith einen mit diesen Augen anblickte und fragte: "Du fürchtest dich doch nicht etwa?" und Linda hinzufügte: "Fürchtest dich nicht etwa, vor dem Sterben?" Ich erinnere mich noch an das Schweigen darauf, und wie Judith schließlich sagte: "Ich lebe ebensogern wie jeder von euch. Linda auch Linda hatte einen üppigen Mund, mit fein geschwungenen Lippen; die Würmer, hatte ich irgendwo gehört, machen sich zuerst an die Augen und danach an die Lippen "Aber leben, nur um zu leben?" fragte Judith "Darum geht das ja immer so weiter —; weil jedermann immer nur sein Gehalt, seine Wohnung, seine kleine lächerliche Existenz abwägt gegen das, was er tun müßte, wie er sehr wohl weiß: Darum scheut sich der Professor zu sprechen, der Offizier zu handeln, der Arbeiter Zu streiken " Linda richtete ihren Blick auf mich "Überleben wollen sie", sagte sie, "jeder winzige einzelne, überleben — bis ihm das Ganze krachend um die, Ohren zusammenfällt " Und da wunderst du dich? — wollte ich entgegnen. Und hinzufügen: Wenn du dich klein genug krümmst, hast du dann nicht auch eine Chance zu überleben? Aber ich sprach es nicht aus. Und ich wäre auch nicht dazu gekommen, denn Judith setzte den Gedanken, den Linda nicht beendet hatte, bereits fort und erklärte: "Ein Teufelskreis. Irgendwie, und irgendwo, muß man ihn durchbrechen " "Mit ein paar Flugblättern?" fragte ich "Die im Treppenhaus eines Universitätsgebäudes niederflattern?" "Wie groß muß der Stein sein, der die Lawine ins Rollen bringt?" erwiderte Judith. Linda sagte: "Du brauchst ja nicht der dritte zu sein, weißt du" — und wandte sich fragend den ändern im Raum zu, meist Burschen jünger als ich, um einen Freiwilligen an meiner Statt zu finden. "Ich werde da sein", sagte ich, "um zehn Uhr genau " Meine Stimme muß wohl etwas sonderbar geklungen haben. Judith und Linda hoben die Köpfe, und ihre große Ähnlichkeit miteinander, fiel mir auf. Ich wußte in dem Augenblick, daß sie sterben würden, und daß ich sterben würde, aber auch, daß unser Tod einen Sinn hatte, weil er etwas unter Beweis stellte — Glaube an die Sache, Liebe, und daß in diesem Lande wenigstens ein paar Menschen gelebt hatten, die sich zu einem höheren Wert bekannten als Fressen, Schlafen, Sichfortpflanzen.

So empfand ich tatsächlich; und meine Stimmung wirkte sich auf die anderen aus. Wenn Judith mjt ihrem Instinkt für Menschenführung , nicrir eingegriffen und praktische Fragen auf geworfen hätte, wäre die feierliche Stimmung ins - Sentimejitale umgspruiagfin, Ich nahn sneiaeafTeil Flugblätter in Empfang unct erhielt meinen Standort angewiesen — einen Treppenabsatz mit einem Fluchtweg entlang einiger Garderobenräume. Ein recht günstiger Fluchtweg nach meiner Kenntnis dieses Teils der Universität, vorausgesetzt, man hatte eine Minute Zeit zwischen dem Abwurf der Flugblätter und dem Alarm, der dann folgen mußte. Sogar eine halbe Minute würde genügen. Ein besserer Fluchtweg jedenfalls als Judith und Linda zur Verfügung stand, die auf den oberen Treppenabsätzen, in der Nähe des Oberlichts, zu sein haben würden und die in , der Falle waren, wenn jemand sie die Flugblätter schleudern sah oder wenn Polizei und Universitätsbehörden mit einiger Geistesgegenwart handelten. Ich wollte einen Austausch der Standorte vorschlagen; aber ich hatte bereits eine Auseinandersetzung mit Judith und Linda gehabt — und 1schließlich waren dreißig Sekunden mehr oder weniger kein Grund, sich noch ein zweites Mal in seelische Unkosten zu stürzen.