Von Hans Peter Anderle

Nach der Verfassung der DDR gibt es keine Zensur; Artikel 34 bestätigt ausdrücklich, daß Kunst, Wissenschaft und Lehre frei seien – "der Staat nimmt an ihrer Pflege teil und gewährt ihnen Schutz, insbesondere gegen den Mißbrauch für Zwecke, die den Bestimmungen und dem Geist der Verfassung widersprechen". Aber natürlich weiß jeder, daß der literarischen Freiheit zwischen Elbe und Oder in Wahrheit verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt sind. Die Gründe dafür liegen freilich tiefer, als manche Kritiker wahrhaben wollen.

Man muß sich vergegenwärtigen, daß die SED in ihrer Kunstauffassung von dem seit Marx beliebten Mißverständnis ausgeht, Literatur spiegele den Gesellschaftsprozeß nicht essentiell, sondern mehr oder weniger unmittelbar wider, weshalb ihr hohe pädagogische Bedeutung bei der ideologischen und praktischen Ausrichtung des Volksganzen zukomme. Schon die 1934 vom sowjetischen Schriftstellerverband festgelegte Definition des "Sozialistischen Realismus" als eines allgemeinverbindlichen Stilprinzips ("wahrheitsgetreue und historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung") verrät diesen verhängnisvollen Irrtum.

Die SED ist der Literatur jenseits der Zonengrenze gleich zweimal auf den Leib gerückt: in der traditionellen Form der Zensur und auf dem Wege mehr oder weniger breit angelegter "Überzeugungsarbeit". Augenfällige Beispiele legalen Bemühens, der offenbar schwerfälligen Literaturentwicklung auf die Beine zu helfen, waren die zahllosen von der Partei veranstalteten Schriftstellerkonferenzen und Aussprachen, die in den-Jahren 1950 bis 1960 stattfanden, vor allem aber die zur Stärkung des wirtschaftlichen Aufbaus und zur Entwicklung einer "proletarischen" Literatur 1959 ins Leben gerufene "Bitterfelder Bewegung" (Parolen: "Schriftsteller, geht in die Betriebe, gebt euer individuelles Eigenbrötlertum preis!" und "Kumpel, greif zur Feder – die sozialistische Nationalkultur braucht dich!"), die praktisch mit einem Mißerfolg endete. Auf der zweiten, 1964 veranstalteten "Bitterfelder Konferenz" übersah man geflissentlich die geringe literarische Ausbeute dieser Kampagne und wandte sich wieder der allgemeinen ideologischen Diskussion zu.

In solchen Stunden der Wahrheit mag sich mancher SED-Funktionär insgeheim zum Instrument der Zensur beglückwünscht haben, das ihn bisher vor ärgeren Enttäuschungen verschonte. Vielleicht hält er sich sogar zugute, daß die eigentliche Zensur längst aus den Gesetzblättern und Institutionen gleichsam in die Köpfe der Autoren und Lektoren vorverlegt ist und der Mann mit dem Rotstift, Schreckgestalt und Eingeständnis der Ohnmacht seit Zaren-Tagen, aus der Schußlinie genommen werden konnte. An der Tatsache, daß die SED wie eh und je Überzeugungskraft durch Administration ersetzen muß, ändert dies natürlich nicht das mindeste.

Die Grundlage der heutigen Zensurpraxis sind die nach Ablösung der Besatzungsrechte auf die mitteldeutschen Kommunisten übergegangenen Kontrollfunktionen, die zunächst garantieren sollten, daß der in der DDR geschaffene Gesellschaftszustand erhalten bleibt. Seither hat sich ihre Bedeutung erweitert: Getreu der Maxime, daß die Literatur ein wichtiger Helfer beim Aufbau des Sozialismus sei, möchte die SED nicht nur bestimmen, was staats- oder moralgefährdend, sondern was Literatur überhaupt ist. Bereits in der Verordnung über das "Amt für Literatur und Verlagswesen", eine 1951 nach dem Vorbild des sowjetischen "Glawlit" errichtete Zentrale, heißt es, daß die "Hebung der Qualität der Literatur durch Begutachtung der geplanten Werke und Beratung der Verleger" eine ihrer Pflichten sei. In bemerkenswertem Gegensatz zu Artikel 34 der Verfassung billigt die Verordnung dem Amt zu, die "Verteilung des für die Buch- und Zeitschriftenproduktion bestimmten Papierkontingents an die lizenzierten Verlage entsprechend den vom Amt für Literatur und Verlagswesen genehmigten Verlagsplänen" vorzunehmen. Die Befugnisse des Amts, Literatur nur in kleinen Auflagen erscheinen zu lassen oder völlig abzuwürgen, waren damit nahezu unbeschränkt.

Erst der 17. Juni 1953, mehr noch die Kritik der Betroffenen, die in einer Resolution der Ostberliner Akademie der Künste gipfelte, die staatlichen Organe^sollten sich hinfort "jeder administrativen Maßnahme in Fragen der künstlerischen Produktion und des Stils" enthalten, führte schließlich zur Umwandlung des Amtes in eine Abteilung "Literatur und Buchwesen" im neugeschaffenen Ministerium für Kultur mit leicht abgeschwächten Befugnissen.