Unter dem Obertitel "Die Grenzen literarischer Freiheit" haben wir seit Oktober letzten Jahres in lockerer Folge eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, deren Gegenstand die mittelbare oder unmittelbare Zensur in einzelnen – kommunistischen, wie nichtkommunistischen – Ländern war.

Sich so eingehend mit diesem Thema zu befassen, schien aus mehreren Gründen geboten:

Erstens ist es zum Verständnis ausländischer Literatur notwendig, sich auch ein Bild von den Bedingungen zu machen, unter denen sie geschrieben wird;

zweitens sind Schriftsteller in den Ländern, wo eine rigorose Zensur ausgeübt wird, und das sind auch in der nichtkommunistischen Welthälfte manche, darauf angewiesen, daß das Ausland von ihren Schwierigkeiten Notiz nimmt – das Interesse des Auslands bedeutet für sie oft eine der wenigen wirksamen Waffen gegen die Zensurbehörden ihres Landes;

drittens sollten Zusammenhänge deutlich werden, da im allgemeinen nur über einzelne, besonders pittoreske Falle von Zensureingriffen berichtet wird, die für sich allein betrachtet meist unverständlich bleiben;

viertens fehlt es auch in der Bundesrepublik nicht an Ansätzen und Tendenzen, der Literatur engere Grenzen zu ziehen – das Thema ist also auch bei uns durchaus nicht nur von akademischem Interesse.

Mit dem heutigen Beitrag von Hans Peter Anderle über Zensur in der DDR schließen wir die Serie ab. Gleichzeitig erscheint im Nannen-Verlag, Hamburg, in der Reihe "Die Zeit Bücher", eine überprüfte, aktualisierte und vermehrte Buchausgabe. Sie enthält. eine Geschichte der Olympia Press von ihrem Begründer und Inhaber Maurice Girodias, Beiträge über die Zensur in Argentinien (von German Kratochwil), Frankreich (François Erval), Großbritannien (John Calder), Indien (Anand Mohan), Irland (Georg Rosenstock), Italien (Mario G. Losano), Jugoslawien (Peter Urban), Polen (Zbigniew Krasicki), Portugal (Antonio Barreto), Schweden (Thomas von Vegesack), der Sowjetunion (Victor S. Frank), Spanien (Roberto Mansilla), der Tschechoslowakei (Paul Kruntorad), der Türkei (Hasan Mersinli), den Vereinigten Staaten (Fred Jordan) und der DDR (Hans Peter Anderle) – sowie mehrere speziellere Artikel zur Situation in der Bundesrepublik: Fritz J. Raddatz untersucht insbesondere die Tätigkeit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Richard Schmid das Verhältnis von "Sittengesetz" und Grundgesetz, Sieghart Ott vor allem den Volkswartbund, Erwin Lausch aus der Sicht der Wissenschaft das Axiom der Jugendgefährdung. Eine Dukumentation der für die heutige Lage maßgeblichen Gerichtsentscheidungen in Sachen Döhl, Genet und Baselitz beschließt den Band.