Von Siegfried Schmidt-Joos

Der Jazz gedeiht heute in Warschau und Prag ebenso wie in Rom, Paris und auch in Bonn, meinte der Kulturreferent der Stadt Nürnberg, Dr. Hermann Glaser, in der Eröffnungs-Pressekonferenz, um dann listig hinzuzufügen: Zumindest, was die Improvisation angeht."

Wie gut er gedeiht, sollte das Europäische Jazz-Festival der Stadt Nürnberg "Jazz Ost West 66" erweisen.

Zu einer Podiumsdiskussion über den Jazz als Brücke zwischen beiden Teilen Europas hatte Festival-Organisator Dr. Harald Straube sieben Kritiker gebeten, doch drei der Herren durften (oder wollten?) die Brücke nicht beschreiten: Alex Batashev aus Moskau, Roman Waschko aus Warschau und Karlheinz Drechsel aus Ostberlin blieben aus. Für das verbliebene Häuflein der Wort-Jazzer formulierten Deutschlands Stimmführer der swingenden Muse Joachim, Ernst Berendt und der böhmisch-liebenswürdige Dr. Lubomir Doruzka aus Prag einige Thesen.

Berendt: Im Jazz geschieht die Annäherung von Ost und West besonders leicht und selbstverständlich. In beiden Gesellschaftssystemen erfüllt vor allem der neue Free Jazz eine Protestfunktion; im Westen stehen die Jazzfreunde links, im Osten scheinen sie rechts zu stehen. Es wäre schön, wenn der Jazz im Westen ebenso wie im Osten stärker subventioniert würde, aber: "Ich fürchte, daß man der Musik die Subventionen anhören könnte."

Doruzka: Vor zehn bis fünfzehn Jahren mag die These vom Jazz als Protestmusik für die CSSR noch gestimmt haben, heute ist kaum etwas davon zu spüren. Im übrigen ist es mit den Subventionen nicht so weit her, auch im Osten gelten für Jazzveranstaltungen die Gesetze der Ökonomie.

Daß sich die musikalischen und finanziellen Probleme der Jazzspieler in Ost und West, von einigen Paßschwierigkeiten abgesehen, inzwischen tatsächlich gleichen, zeigten in Nürnberg weniger die Diskussion als die Konzerte.