Dr. Straube und die Frankfurter Agentur Lippmann und Rau mobilisierten rund hundert Musiker aus Österreich, Bulgarien, Ungarn, Polen, Frankreich, Holland, Deutschland, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, der Schweiz und den USA. Keiner der festlich gekleideten Zuhörer (Abendgarderobe dominierte) hätte bei den Chorussen des bulgarischen, Flötisten Simeon Shterev und des ungarischen Pianisten Attila Garay, die mit dem Josel-Trio aus Graz das Programm eröffneten, noch heraushören können, daß sich der Jazzkontakt dieser Musiker mit dem Westen jahrelang nur über die Luftbrücke der "Stimme Amerikas" vollzog.

Das erste Konzert stand im Zeichen der Avantgarde. Noch bevor das Kölner Manfred Schoof Quintett die Instrumente in die rechten Mikrophonpositionen für die angeschlossenen zehn Rundfunksender und das Fernsehen, gerückt hatten, hatte ihre Musik schon begonnen: hier ein Schlag gegen den Klavierdeckel, dort ein Strich mit dem Baßbogen über das Schlagzeugbecken, rhythmische Figuren aus Rasseln, Klappern und indischen Tempelglocken; sie weben ein immer dicker werdendes Spannungsfeld, aus dem sich mit ganz allmählich und zögernd erste melodische Motive von Manfred Schoofs Kornett und Gerd Dudeks Tenorsaxophon herausheben, um sich schließlich in weitangelegten Klangflächen zu einem furiosen Höhepunkt zu steigern.

Daß sich so intensives, freitonales Improvisieren zu grandiosen Formmustern fügen könnte, hat man noch vor kurzer Zeit für unmöglich gehaben. Schoofs Musik lebt aus einer lebendig angewandten Dialektik: Kleine, lethargische Pianof.guren Alexander von Schlippenbachs stehen einer mit wilder Intensität spielenden Rhythmusgruppe ... gegenüber; ein zartes, gezupftes Baß-Solo, das wie ein Kinderlied klingt, mündet in einen schizophrenen Tenorsaxophon-Ausbruch, den Schoof mit langgezogenen Choralmelodien wieder einfängt und bändigt.

Der Holländer Misja Mengelberg konnte gegenüber diesen bedrohlichen sounds nur einen Lacierfolg für sich verbuchen, freilich einen unbeabsichtigten. Sein Quartett verfolgt das gleiche Ziel wie die Schoof-Gruppe, doch von einer gehüpften Bühnenwanderung des Schlagzeugers Han Bennink mit der Tabla-Trommel zum Mikrophon, wo er einer Art afrikanischer Mausefalle leise Klick-Laute entlockte, zeigte sich das Publikum allenfalls amüsiert.

Den dritten Free-Jazz-Beitrag leistete Klarinettist Rolf Kühn mit seinem eben erst über die Jazz-Brücke der DDR entrückten (er blieb nach einem Wiener Musikwettbewerb im Westen) Bruder Joachim Kühn (Piano). Ihre Konzeption leidet unter der von Auftritt zu Auftritt wechselnden Rhythmusgruppe: Schlagzeuger Ralf Hübner zerschlug ihnen in Nürnberg mit undifferenziertem Becken-Lärm die Pointen. Rolf Kühns mit scharfer Attacke herausgeschleuderte Klarinettensoli fesseln immer, Joachims Piano-Filigranwerk wirkt noch unfertig. In den melodramatischen Ensembleparts herrschte eine erstaunliche geschmackliche Unsicherheit, Joachim Kühns dreiteiliges Werk "Walkie Talkie" hätte besser "Das Unwetter" geheißen: Free Jazz gerierte sich hier als Programm-Musik.

Trotz dieser Einwände ist mir solcherart anregendes Spiel, für oder gegen das man sich entscheiden muß, lieber als der hochgestochene Konzertwerk-Anspruch, den das Andrzej-Trzaskowski-Sextett (Warschau) mit einer 18-Minuten-Nummer erhob. Viel zu lange und auf die Dauer substanzarme Soli ließen die Aufmerksamkeit der Zuhörer trotz aufgesetzter serieller Effekte – etwa wenn der Komponist und bandleader in die Klaviersaiten greift (Publikumsstimme: "Er sucht die Dominante!") – schnell erlahmen.

Erst der im dritten Satz auftretende amerikanische Trompeter Ted Curson gab der Gruppe Spannung und Format. Der aus Algerien stammende, französische Pianist Martial Solal brannte am Ende des ersten Konzerts ein Brillantfeuerwerk technischer Perfektion ab. Kaum kann man angesichts der Begleitung seiner Rhythmusgruppe noch von gemeinsamer Improvisation sprechen – jede Nuance dieser virtuosen Etüden ist in zahllosen Spielstunden erprobt und kommt nachtwandlerisch präzis.