Zwei Big Bands bildeten die Schwerpunkte des zweiten Konzerts in der Meistersingerhalle, zu dem 1900 Zuhörer gekommen waren, rund 500 mehr als kurz vorher am gleichen Ort zu Duke Ellington. Die Musiker von Max Gregers Fernsehorchester bliesen sich in leidenschaftlichem Einsatz den Ärger über die Schlagerkonfektion vom Leibe, welcher der überwiegende Teil ihres Dienstplans beim ZDF gilt. Rick Kiefer, Benny Bailey (Trompeten) und Don Menza (Tenorsax) bauten ihre Chorusse zu Höhepunkten des Konzerts auf; nach langem Oberlegen und mehrmaligem Ausstreichen möchte ich für Menzas frisches, impulsives Spiel doch das Adjektiv "rotzig" anbieten, die Vokabel trifft besser als alle Wörter einer höheren sprachlichen Ebene.

Gustav Broms 12-Mann-Orchester verfügt gegenüber Greger über die interessanteren Arrangements, aber mit Ausnahme des vorzüglichen Trompeters Jaromir Hnilicka, der auch zu den hervorragenden tschechischen Arrangeuren zählt, über keine gleichwertigen Bläser.

Neben den Big Bands gehörte dieser Abend etablierten Ensembles. Albert Mangelsdorff blies auf der Posaune zur Begleitung des Zagreb Jazz Quartetts (der europäischen Ausgabe des Modern Jazz Quartets) einen großartig strukturierten, logisch entwickelten Blueschorus, sicher das beste Solo des Festivals. Mit seinem alten Partner, dem in New York lebenden ungarischen Gitarristen Attila Zoller, improvisierte er anschließend bestechend schlicht über den harmonisch reizvollen Schlager "Polkadots and Moonbeams": Unsere bedeutendsten Jazz-Solisten besitzen inzwischen so viel Reife, daß sie es sich leisten können, wieder einfach zu spielen.

Klaus Doldingers Quartett mit Ingfried Hoffmann (Orgel) hat das Publikum noch nie aus den Augen verloren. Es versucht, die formgebenden Dynamik- und Spannungs-Felder der Freiton-Jazzer mit konventionellen Mitteln zu erreichen. Doldingers Ausdrucksskala reicht von gesprächsartig geflüsterten Tenorsaxophon-Kadenzen bis zum ekstatischen Einsatz aller persönlichen und instrumentaltechnischen Reserven. In "Guachi Guaro" ließ er in seine Tenor-Improvisation ein Themenzitat aus der Rolling-Stones-Nummer "I Can’t Get No Satisfaction" einfließen und deutete damit bereits an, was die Ballbesucher des nächsten Abends erwartete: Nach den unbekümmert-impulsiven beziehungsweise feinsinnigarrangierten Dixieland-Klängen der Spree City Stompers und der Frankfurter Barrelhouse Jazzband lieferte Doldinger dort mit Elektrogitarren und zwei Schlagzeugen eine Beat- und Rhythm & Blues-Show, die auch Nichttänzer von den Stühlen riß.

In Stücken wie "Watermelon Man" und "Route 66" spielte der Schweizer Oskar Klein als Gast so hinreißend Gitarre, Mundharmonika und Trompete, daß ihm Kollege Attila Zoller hinterher vor Erregung schwitzend beteuerte: "Mann, du bist der schärfste Blues-Spieler in Europa."

Schwarze Musik dieser Art hat – um noch einmal auf das Thema des Festivals zurückzukommen – weder in West- noch in Osteuropa staatliche Subventionen nötig.