Von Heinz Hütter

Als Beispiel ein alltäglicher Fall aus der Praxis: Der für den Einkauf des Hauses X zuständige Prokurist, benötigt für sein Sekretariat dringend eine zweite Schreibkraft. Intern läßt sich das Problem nicht lösen – also wird inseriert. Das Anzeigenformat hält sich in jener Größenordnung, die in diesem (wie in vielen anderen) Unternehmen vor zehn Jahren noch als oberstes Limit für Stellenangebote galt, wenn es um Führungskräfte der ersten Garnitur ging. So ändern sich die Zeiten.

Der Text ist wohldurchdacht formuliert. Und der Erfolg? Elf Bewerbungen gehen ein. Freilich, die Skala der Kandidatinnen reicht von der Anfängerin, die demnächst von einer privaten Handelsschule abgehen wird, bis zur Bardame, die in früheren Jahren einmal kurze Zeit als Bürokraft gearbeitet hat.

Und jetzt wird sortiert. Übrig bleiben vier Bewerberinnen, die zur Vorstellung aufgefordert werden. Die erste erscheint überhaupt nicht, weder zu dem vereinbarten noch zu einem späteren Termin. Die zweite schreibt ohne Angabe von Gründen ab, nachdem sie den Brief mit dem Terminvorschlag erhalten hat. Die dritte, 22 Jahre alt, verlangt bei der Vorstellung 1200 Mark Anfangsgehalt (im Augenblick verdient sie 950 Mark). Und dabei muß sie, vorsorglich angesprochen, gestehen, daß sie zwar das Maschineschreiben beherrscht, jedoch – was sie in ihrem Bewerbungsschreiben verschwiegen hatte – nicht stenographieren kann.

Die einzige ernstzunehmende Bewerberin, die (bei einem Kostenaufwand von nahezu 1000 Mark netto für die Anzeige) als Verhandlungspartner übriggeblieben ist, sitzt dem Prokuristen gegenüber. Eine 24jährige Dame, die eventuell das leisten könnte, was ihre Zeugnisse und die geistige Beweglichkeit, die sie im Gespräch mit dem Mann hinter dem Schreibtisch zeigt, erwarten lassen. Das Resultat des Probediktats bestärkt den Prokuristen in dieser Meinung.

Jetzt geht’s um den nervus rerum. Zur Zeit verdient die Kandidatin als Sekretärin des Buchhaltungschefs in einem weit kleineren Betrieb einer anderen Branche 980 Mark brutto im Monat. Hinzu kommen ein dreizehntes Monatsgehalt als Gratifikation sowie etliche freiwillige soziale Vergünstigungen anderer Art. Und jetzt verlangt sie für den Anfang 1100 Mark und nach Ablauf der dreimonatigen Probezeit 1200 Mark brutto. Sie trägt diese Gehaltsforderung mit der gleichen Selbstsicherheit vor, die sich in dem Hinweis auf das bisherige dreizehnte Gehalt offenbart, das sie "natürlich" auch im neuen Hause erwartet.

Ihr potentieller Chef in spe überlegt kurz: Die Chefsekretärin, seine engste Mitarbeiterin – 48 Jahre alt, eine langjährig bewährte, echte Perle – verdient jetzt, nach der jüngsten Tarifanhebung, 1040 Mark brutto, Leistungszulage inbegriffen. Damit ist sie auf der obersten Stufe des Gehaltsgefüges angesiedelt, die das Haus für Mitarbeiterinnen dieser hierarchischen Ebene festgesetzt hat.