Von Edgar Salin

Es gibt in unserer schnellebigen Zeit doch zum Guten und zum Bösen noch Traditionen, die gegen alle Vernunft aus Gefühlsgründen wirken, auch wenn die wenigsten Menschen sich gern ihre Kraft eingestehen. Wer wüßte zu sagen, warum sich die Menschen drängen, wenn am Buckingham Palace die Garden aufziehen? Oder, warum die Fahrt jedes jüngst durch eine Revolution auf den Thron gekommenen Negerdiktators die Schaulustigen in dichten Reihen die Straßen säumen läßt? Oder warum das Schicksal des englischen Pfundes Menschen beschäftigt und beunruhigt, die keine Ahnung von Währung, von Wechselkurs und von Börse haben? Im ersten und zweiten Fall mögen Sehnsüchte nachwirken aus vergangenen Zeiten, in denen, jedes gekrönte Haupt wirklich ein Herrscher war und in denen Symbole der Herrschaft eine bindende Kraft besaßen. Aber im dritten Fall, beim dritten Beispiel?

Noch wirkt die Erinnerung nach an die "selige Zeit" des britischen Empire, in der das Pfund Sterling, in der die Goldwährung die Ordnung der Welt zu verbürgen schien. Als im September 1931 das englische Pfund zum erstenmal abgewertet wurde, traf ich eine befreundete Deutsch-Argentinierin in Tränen. Nach dem Grund befragt, hat sie geantwortet: wir sind aufgewachsen und erzogen worden im Glauben, daß es auf dieser Erde drei ewige Mächte gebe, – den lieben Gott, den deutschen Kaiser und das Pfund Sterling. Den Glauben an den lieben Gott habe ich im Krieg eingebüßt, der deutsche Kaiser ist nach Holland geflohen und jetzt bricht auch noch das Pfund Sterling zusammen ...

Aber merkwürdigerweise: die Hoffnung auf das Kaisertum ist durch die schmähliche Flucht tiefer getroffen worden als der Glaube an das Pfund durch die erste Abwertung. Obwohl es sich allmählich selbst in England herumgesprochen hat, daß das Empire der Vergangenheit angehört und sogar das Commonwealth sich in Auflösung befindet, erscheint das Pfund nicht nur in weiten englischen Kreisen noch als sakrosankt, sondern ist in der Welt sogar zur Ehre einer "Reservewährung" neben dem Dollar gekommen.

Es sollte in der westlichen Welt niemanden geben, der ohne Trauer oder gar mit Schadenfreude diese Entwicklung betrachtet. Gewiß, die Zeit des britischen Empire ist endgültig vorüber. Aber sind wir nicht alle Nutznießer dieser Zeit gewesen, die heute nur noch negativ als Ära des Kolonialismus schmähend etikettiert wird? Sind nicht alle Völker einschließlich des Deutschen Reichs, das zum eigenen Schaden die britische Ordnung zerbrochen hat, im Schutz der britischen Flotte mit großem wirtschaftlichen Nutzen des Weltfriedens, der Pax Britanica, teilhaft gevesen? Und hat nicht die Goldwährung als "du vollkommene, als das ewige Währungssystem" den Generationen zwischen 1873 und 1914 wirklich dazu geholfen, den Welthandel gewaltig auszudehnen und eine Weltwirtschaft aufzubauen?

Es ist vermutlich leichter, sich von außen über die Erschütterung und die Veränderung des Gesichts der politischen und der wirtschaftlichen Welt Rechenschaft zu geben, als wenn man drinnen in der gleichen Umgebung, mit den gleichen Freunden und anscheinend mit den gleichen Beziehungen weiterlebt. Gerade in der Bundesrepublik muß man hierfür Verständnis aufbringen Denn genauso wie hier nur eine kleine Zahl der Staatsbürger realisiert, daß man nicht mehr Großmacht ist, sondern trotz aller wirtschaftlichen Leistung nur noch ein Staat dritter Ordnung, genauso fällt es den Briten schwer zu realisieren, daß man nicht mehr Weltmacht ist, sondern nur ein Staat zweiter Ordnung, daß man nicht mehr von den Erträgnissen der Kolonie! leben kann, sondern auf die Arbeit von Kopf und Hand angewiesen ist, daß man, genauso wie die Niederlande, den harten Weg von einem Rentnerland des Kapitalertrags zu einem Unternehmer-, Händler-, Arbeiterland des Arbeitsertrags beschreiten muß. Diese Notwendigkeit hat in der Zwischenkriegszeit die Weltausstellung von Wembley für Jahre überdeckt, – jetzt hat es groteskerweise den Anschein, als ob Fußballmeisterschaften am gleichen Ort das Gleiche für ein paar Wochen fertiggebracht hätten. Aber die Geschichte läßt sich nicht betrügen, die rauhe Wirklichkeit läßt sich nicht dauernd zudecken ...

Wie rauh diese Wirklichkeit ist, das hat niemand besser gewußt als der Mann, dessen Name sehr zu Unrecht mit der geltenden Währungsordnung von Bretton Woods immer wieder genannt wird: John Maynard Keynes. Er hat sich bei der Neugestaltung des westlichen Währungssystems nicht gegenüber dem Vertreter des amerikanischen Schatzamtes durchsetzen können, und er ist 1946 bei den Verhandlungen in Washington gescheitert, als er den Versuch mache, für England, das bis Pearl Harbour die ganze Last des Krieges fast allein getragen hatte, eine besondere, klingende Entschädigung zu erwirken. Nur mit Erschütterung kann man heute die Rede lesen, mit der er im Oberhaus das magere Ergebnis von Washington als das erreichbar beste vertreten und ihm zur Annahme verholfen hat. Aber auch er hätte heute kaum die Kraft, um seinem Volk die harte Wirklichkeit der zerspaltenen Welt, des verlorenen Imperiums, des unmöglichen Rentnerdaseins mit allen Konsequenzen klarzumachen.