Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt!" meldete der israelische Botschafter Eban am Morgen des 1. November 1956 freudestrahlend dem amerikanischen Außenminister John Foster Dulles. Die Panzerbrigaden des Generals Dajan hatten binnen 48 Stunden Nassers Elitedivisionen auf der Sinai-Halbinsel in die Flucht geschlagen. Dies war die Stunde der Versuchung für Dulles.

Gerade war er damit befaßt, einen Antrag zu entwerfen, der zwei Drittel der Menschheit, vertreten durch die UN-Delegierten am East River, gegen die Aggressoren im Nahen Osten aufbringen sollte. Vielleicht konnte er das Feuer eindämmen, ehe britische und französische Truppen in Port Said an Land gingen, ehe die Sowjets Gelegenheit erhielten, im trüben zu fischen.

Was ihm jedoch der israelische Diplomat vortrug, ließ die "Aggression" in gar nicht so ungünstigem Lichte erscheinen. Botschafter Eban sagte: "Zum erstenmal ist einer angriffslüsternen Diktatur Widerstand entgegengesetzt worden. Dank des .israelischen Vorgehens ist Nasser im Begriff, seinen ganzen Kredit zu. verlieren. Eine gemäßigtere Regierung wird ihn ablösen. Womöglich können Israel und andere Länder jetzt endlich den Frieden im Nahen Osten herstellen. Und vor allem: Der sowjetische Einfluß in Ägypten wird zurückgehen!"

Einen Moment schien es, als wollte der amerikanische Außenminister dieses Argument gutheißen: "Niemand kann darüber, daß Nasser geschlagen wurde, glücklicher sein als ich. Seit dem Frühjahr habe ich Grund genug gehabt, ihn zu verabscheuen." Und dennoch hatten die Israelis sich in seiner Reaktion genauso verschätzt wie die Briten: "Können wir", fragte Dulles, "dieses gute Resultat billigen, wenn es durch Mittel erreicht wurde, welche gegen die Charta der UN verstoßen?"

Nein – Dulles hatte sich entschieden: Er würde sich weder für die NATO-Verbündeten noch für die Sache Israels verwenden (Stimmverluste unter den jüdischen Einwohnern Amerikas bei der bevorstehenden Wahl schreckten ihn nicht), sondern die ganze moralische und militärische Macht der Vereinigten Staaten für die UN in die Waagschale werfen.

Es waren Dulles und sein kanadischer Kollege Lester Pearson, die mit großer Geduld, unter körperlichen und nervlichen Strapazen – mehrere Nächte mußten sie sich den Schlaf um die Ohren schlagen – den schwerfälligen Apparat der UN-Vollversammlung in Bewegung setzten und in Bewegung hielten, um das britisch-französische Veto im Sicherheitsrat zu überspielen. Erst auf ihr Drängen hin raffte sich auch UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld auf, der zunächst in tiefe Resignation verfallen war und seinen Glauben an den guten Willen der Staatsoberhäupter und an die Zukunft der Weltorganisation beinahe schon verloren hatte. Nun trieb auch er die Delegierten zur Eile an, über ihnen als Peitsche die Drohung seines Rücktritts.

Suez hatte Ungarn aus den Schlagzeilen verdrängt. Aber in diesem Moment schlugen die Wogen der beiden Krisen ineinander über Jäh war die Peripetie des Dramas erreicht. Das tragische Ende kündigte sich an: Am Nachmittag dieses Tages – in New York ist es 17.30 Uhr – erhält Hammarskjöld ein Telegramm des ungarischen Ministerpräsidenten. Imre Nagy ersucht ihn dringend, den Fall Ungarn auf die Tagesordnung zu setzen. Zugleich stellt er Ungarn unter den Schutz der Vereinten Nationen.