Von Waldemar Besson

Herbert von Borch: Friede trotz Krieg, Spannungsfelder der Weltpolitik seit 1950. Piper Verlag, München. 375 Seiten, 22,– DM.

In der rechten Betrachtung der Weltpolitik müssen begriffliche Schärfe und geschichtlicher Sinn zusammenkommen. Das eine gibt uns Maßstäbe an die Hand, mit denen wir das massenhafte Detail der täglichen Nachrichten ordnen können. Das andere vermittelt Anschauung Und Farbe und belehrt uns, daß neben der Ratio der Akteure auch ihre Affekte und Ressentiments die internationale Bühne bestimmen. Herbert von Borch ist ein theoretisch geschulter Publizist, der als Korrespondent führender deutscher Zeitungen jahrelang von Washington aus die Weltpolitik beobachten konnte. Das Ergebnis seiner Studien ist entsprechend gewichtig, zumal unser Verfasser nicht nur eine gescheite, sondern auch eine elegante wissenschaftliche Prosa schreibt.

Den früheren Büchern über die amerikanische Gesellschaft und die Ära Kennedy läßt Borch nun einen Band über die Weltpolitik folgen. Der Titel enthält schon die These. Herbert von Borch ist kein Pessimist, so genau er die Gefährdung des Friedens durch die Irrationalismen der Menschen wie durch die Gefährlichkeit ihrer Waffen kennt. Er vertraut auf das Genie des Menschen, mit der Macht der Zerstörung auch bewahrende Kräfte freizusetzen. Freilich, nachdenken müssen die Menschen schon, wenn sie ihre Probleme lösen sollen, und deshalb hält der Verfasser auch viel von Modellen und Plänen, von kühnen intellektuellen Pfaden durch das Gestrüpp anscheinender Ausweglosigkeiten.

Fast wäre so eine Typologie der weltpolitischen Modelle seit 1950 entstanden. Auf alle Fälle aber hat Borch in Gestalt zeitgeschichtlicher Betrachtung eine Art Theorie der gegenwärtigen Weltpolitik versucht. Ihr traut der Verfasser im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute, auch im Gegensatz zu den meisten der deutschen Politiker, einiges zu.

Kein Wunder, daß der Mangel an Theorie der deutschen Politik keine guten Zensuren einbringt. Zu oft muß unser Verfasser feststellen, wie sich gerade im deutschen Falle Illusionen und Selbsttäuschungen breitgemacht haben. Leider aber gebe es in der Politik, im Gegensatz zur Mystik, keine concidentia oppositorum, und deswegen hätten sich eben zum Beispiel auch immer die Wiedervereinigung und die Integration der Bundesrepublik der westlichen Allianz prinzipiell ausgeschlossen, auch wenn man das viele Jahre in Bonn nicht habe wahrhaben wollen.

Borchs Hauptthema freilich ist nicht die deutsche Frage, auch wenn er natürlich immer wieder auf sie zurückgreift, weil sich an ihr für den deutschen Leser so vieles exemplifizieren läßt. Borch wertet die deutsche Entwicklung gleichsam nur im Vorübergehen. Doch macht gerade dies sein Verdikt über die deutsche Außenpolitik so bedrückend. Selten ist so schonungslos demonstriert worden, welches Mißverhältnis zwischen unserer komplizierten Lage und unserem Nachdenken darüber seit Jahren besteht. Wer Borchs Analysen zur Kenntnis genommen hat, wundert sich nicht mehr, warum wir einen immer größer werdenden Berg ungelöster Probleme vor uns herschieben und weswegen unsere weltpolitische Stellung so erschüttert ist.