Von Dietrich Strothmann

Kassel hat, das beweisen nicht nur die "documenta" und die "Tage der neuen Musik", ein gutes Klima für das Neue, Moderne, auch für kleine Revolten. Eine fand unlängst im Hinterzimmer eines Hotels statt, eine Revolte forscher Musikpädagogen.

Auch in jenem Kasseler Hotelhinterzimmer einer musikalischen Verschwörung zeigte es sich wieder einmal: Da sind die vielen Alten, Jugenderzieher noch heute, die weiter von ihrer "Jugendbewegung" zehren. "Das Singen ist eine der größten Realitäten der staatspolitischen Erziehung", hieß es ab 1933 offiziell, sie glaubten damals daran, daß Lieder ein "gesungenes Glaubensbekenntnis" seien, und sie glauben 1966 noch immer daran, heimlich und für sich.

Und da sind die jungen, auch sie Studienräte oder Pädagogik-Professoren. Auch sie haben ihre Erfahrungen gemacht mit dem Lied, das Haß predigt oder den Heldentod feiert.

Aber, anders als die Alten, wollen sie den "Singeschatz" entrümpeln, aufräumen mit einem Musikunterricht, der sich – zumal in den Volksschulen – nur darauf beschränkt, Gesangsunterricht zu sein, weg von der Singsang-Ideologie jener Kollegen, die noch vor einem Jahr, bei einer Musikerziehertagung, mit dem Brustton der Überzeugung choralten: "Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder, sondern nur ein Radio und ein’ Fernsehapparat."

Und sie singen weiter: "Nichts kann uns rauben" (zum 17. Juni) – was einer Verhöhnung der Opfer jenes Aufstandes gleichkommt; "Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu" – obwohl es das "Treuelied" der SS war. Sie lassen ohne Unterlaß Hans Baumanns Reime singen, des einstigen HJ-Vorsängers, um die "leeren Räume in der Seele des heutigen Menschen mit echten Werten zu erfüllen ... Denn es geht hier nicht um nachprüfbares Wissen".

Sie benutzen gedankenlos zeitgenössische Liederbücher mit "unveräußerlichem Liedgut" – wobei die Hälfte des empfohlenen "Schatzes" aus der HJ-Zeit stammt. Sie bringen den Kindern nicht bei, wie Lieder mißbraucht wurden: der Choral "Nun danket alle Gott" angesichts des Leichenfeldes von Leuthen, "Wach auf, wach auf, du deutsches Land" als NS-Feierlied, "Vom Himmel hoch, da komm’ ich her" mit der neuheidnischen Nachdichtung "ich bin der goldene Schein".