Von Marianne Kesting

Baudelaire hat einmal gesagt, alle großen Dichter seien naturgemäß auch Kritiker. "Ich bedaure die Dichter, die sich nur vom Instinkt leiten lassen; ich halte sie für unvollkommen." Sicher ist so viel, daß die moderne Dichtung in hohem Maße von kritischer Reflexion begleitet und durchdrungen ist, ja, daß die kritische Reflexion zu ihren wesentlichen Bestandteilen gehört. Spätestens seit Baudelaire gehen Dichtung und Dichtungstheorie eine unauflösliche Verbindung ein, dort wenigstens, wo die Dichtung hohes Niveau erreicht.

Zweifellos, hat mit dem Auftauchen des nouveau roman jene kritische Reflexion eine neue Blüte erlebt. Zu Recht wird den theoretischen Überlegungen Nathalie Sarrautes, Robbe-Grillets und Michel Butors ein besonderer Rang zugesprochen. Nicht, daß ihre Essays zur Interpretation der eigenen dichterischen Intention unerläßlich wären. Vielmehr enthalten sie Einsichten in die Grundprobleme des modernen Romans. Dabei erweist sich, daß diese Schriftsteller, die man zu den "Avantgardisten" rechnet, weil in ihren Romanen formale Neuerungen zu verzeichnen sind, sich in einem sehr präzisen und überlegten Verhältnis zur Tradition bewegen, ja, daß erst dieses Verhältnis den sogenannten Neuerungen, die eigentlich nur eine Weiterführung eingeführter Kriterien sind, die Sicherheit verleiht.

In Deutschland, dem Land der mehrfach abgerissenen geschichtlichen und ästhetischen Traditionen, sind die Berufung auf Überlieferung und der Vorstoß in Neuland keine Selbstverständlichkeit. Bei uns herrscht seit der Romantik, der wir doch immerhin recht bedeutende dichtungstheoretische Äußerungen verdanken, der Mythos vom inspirationsüberfluteten Dichter, der sich des "Intellektualismus" verdächtig macht, wenn er denkt. Schon Goethe machte sich darüber lustig. Anschluß an Tradition wird gern für reaktionär gehalten, und als modern gilt vor allem die Produktion der letzten Buchsaison – also das marktmäßig Neue. Das Niveau der Dichtung, der Kritik, der Literaturwissenschaft hat den Schaden davon.

Dergleichen Gedanken drängen sich einem auf, wenn man sich den Essaybänden von

Michel Butor: "Repertoire" I, II, III, aus dem Französischen von Helmut Scheffel; Biederstein Verlag, München; 176 S., 12,80 DM; 157 S., 12,80 DM; 230 S., 17,50 DM

zuwendet und schon beim ersten Lesen wahrnehmen muß, mit welcher Souveränität ein Neuerer wie Butor mit der traditionellen Dichtung umgeht, mit welch intimer Kenntnis er vom mittelalterlichen Epos, von Rabelais, von Proust, von Roussel, von Balzac spricht. Dabei ist der Blickpunkt natürlich immer der der eigenen Dichtung, ohne daß dies je zur Sprache käme. Nur, wer Butors Romane kennt, wird überhaupt merken, daß Butor, wenn er über ältere Dichter spricht, über den eigenen Standort meditiert.