Hamburg

Ein anderer hätte von einem kulturellen Ereignis ersten Ranges getönt. Der Bürgermeister jedoch sprach bloß von einem Flirt mit den Musen, und daß die Herren dankenswerterweise und in allen Ehren die erotische Potenz der ehrbaren Jungfrau Hammonia bereichert hätten. Der Abend war festlich, nie zuvor war so viel Finanzkraft in der Hamburger Kunsthalle versammelt. Namen, die man aus dem Wirtschaftsteil der Zeitungen kennt, wurden zu realen Figuren, zu normalen Museumsbesuchern, und standen betroffen oder entzückt vor Bildern, Skulpturen, Tapisserien, afrikanischen Götzen, die alle ohne ihre Hilfe nicht in die Museen gekommen wären.

Was Professor Herbert Weichmann als Flirt mit den Musen apostrophierte, heißt im Amtsdeutsch der Kulturbehörde "Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen" und feierte ihr zehnjähriges Bestehen. Man kann es bedauern, aber es ist eine Tatsache, daß die Museen von dem, was der Staat ihnen gibt, nicht leben können. Das ist in Deutschland nicht anders als in Amerika, wo von privater Seite Summen aufgebracht werden, die uns astronomisch vorkommen.

Auch die Hamburger Kunsthalle verdankt den größeren und wertvolleren Teil ihrer Bilder privaten Spenden und Vermächtnissen, in Köln, München, Berlin, Bremen verhält es sich nicht anders. Als ein "Geschenk von Kunstfreundinnen" hat Lichtwark 1889 Liebermanns avantgardistische "Netzflickerinnen", kaum daß sie trocken waren, für die Hamburger Kunsthalle erworben. Carl Georg Heise hat in der finanziellen Misere nach 1945 private Quellen aufgetan und Noldes Maria-Aegyptiaca-Triptychon und eine Menge "entarteter Kunst" wiederbeschafft. 1965 bekam die Hamburger Kunsthalle von privaten. Förderern außerhalb der Stiftung mehr als eine Million und konnte damit das Dresden-Bild von Kokoschka, ein Blumenstück von Corinth und ein Hauptwerk von Boucher ankaufen. 1966 war bisher kein gutes Spendenjahr, um so mehr sind die Museen auf die Stiftung angewiesen. Ihre Gelder fließen mäßig, aber regelmäßig.

Die Stiftung reguliert die spontane und sporadische Gebefreudigkeit. Sie ist ein soziologisch bemerkenswerter Versuch, die alte mäzenatische Idee zeitgemäß zu organisieren. Laut Satzung werden die Mitglieder, es sind heute annähernd hundert Förderer, zu jährlich wiederkehrenden Leistungen verpflichtet. Neu an dem Hamburger Stiftungsmodell ist der Umstand, daß eine Partnerschaft zwischen Staat und privaten Förderern instituiert wird. Nicht nur bittet der Staat die Bürger zur Kasse, er zahlt selber in den gemeinsamen Topf, den nicht er, sondern das Stiftungskuratorium verwaltet. Der private, lokale und vaterstädtische Charakter bleibt gewahrt, und mit der Jungfrau Hammonia hat der charmante Bürgermeister den Nagel auf den Kopf oder den lokalpatriotischen Nerv des Unternehmens getroffen.

Picasso und der Douanier Rousseau, Gauguin, Renoir, Ensor, Munch, Chagall, Nolde und Beckmann für die Kunsthalle, Altägyptische Reliefs, antike Marmorstatuen, deutsche Barockplastik fürs Museum für Kunst und Gewerbe, 220 Werke hat die Stiftung in diesen zehn Jahren angekauft. Sie sind derzeit in der Kunsthalle ausgestellt und füllen zwölf Räume. Fünfeinhalb Millionen hat die Stiftung bisher eingenommen und ausgegeben, dreieinviertel kommen von den Förderern, der Rest vom Staat. Das Geld, bemerkte Professor Weichmann, sei vom Standpunkt des Kaufmanns nicht schlecht angelegt: Die angekauften Werke repräsentieren heute bereits einen Wert von mindestens zwölf Millionen. Gottfried Sello