Nach einer Hinrichtung beobachtete der berühmte italienische Anatom und Pathologe Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) als erster, daß geronnenes Blut wieder aufgelöst werden kann. Der Henker hatte seinem Opfer den Kopf abgeschlagen, der Blutschwall aus dem Rumpf des Hingerichteten war versiegt. Da bemerkte Morgagni nach einiger Zeit, daß aus der Wunde erneut Blut sickerte.

Der geronnene Lebenssaft, der die Wunde zunächst verschlossen hatte, mußte also wenigstens teilweise in seinen ursprünglichen, flüssigen Zustand zurückgekehrt sein. An dem leblosen Körper hatte – modern ausgedrückt – eine "Thrombolyse" stattgefunden, was nichts anderes heißt als: Auflösung eines Blutgerinnsels.

Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Morgagnis Erstbeobachtung gewann das Hinrichtungsphänomen medizinische Aktualität. Ärzte, die immer wieder Patienten mit krankhaften Blutgerinnseln zu behandeln hatten, suchten nach Möglichkeiten, diese aufzulösen. Könnte nicht, was der Körper unter gewissen Umständen selbst fertigbringt, so fragten sich die Mediziner, auch der Arzt bei jenen Patienten erreichen, deren Blutkreislauf durch ein Gerinnsel blockiert ist?

Es dauerte lange, bis diese Frage positiv beantwortet werden konnte. Aber heute lösen die Ärzte in der Tat Blutgerinnsel auf. Als jüngstes Ergebnis meldeten die Thrombolyse-Forscher jetzt gute Erfolge bei Herzinfarkt-Kranken.

Blutgerinnsel bedrohen Gesundheit und Leben zahlreicher Menschen. Am häufigsten setzt sich ein Propf geronnenen Blutes in einer Beinvene fest und sperrt den Rückfluß des Blutes in den Körper. Bildet sich eine solche Thrombose in einem wichtigen Blutgefäß, verfärbt sich das Bein blaurot und schwillt unförmig an.

Unter günstigen Umständen geht die Schwellung nach einigen Tagen zurück, wenn das gestaute Blut sich durch Umgehungsadern einen Weg hat bahnen können. Aber diese Patienten leiden später an Krampfadern und offenen Beinen. Sie spüren Schmerzen schon bei geringer Anstrengung. Viele werden vorzeitig Invalide.

Von dem Blutgerinnsel im Bein kann sich ein Teil losreißen, mit dem Blutstrom davontreiben und in die Lunge geschwemmt werden. Die "Lungenembolie" gehört zu den Komplikationen, die von den Medizinern am meisten gefürchtet werden.