Berlin

Der Bau des Europa-Centers entlockte den Berlinern Lob und Anerkennung; gegen den zehngeschossigen Neubau aus Stahlbeton in Neukölln hingegen laufen sie Sturm und berufen sich dabei auf ihre sprichwörtliche Tierliebe. Denn in dem Betonriesen am Boschweg sollen in wenigen Tagen 250 000 Oldenburger Hochleistungshennen einziehen, um nichts weiter zu tun, als in engen Käfigen regelmäßig Eier zu legen. Der Initiator und Geschäftsführer der von fünfzehn Geldgebern gegründeten Gesellschaft, der Berliner Architekt Günther Göde, erhofft sich von seinen Oldenburgern jährlich 55 Millionen Eier; damit könnte er 15 Prozent aller in Berlin verbrauchten Eier liefern.

Die Hennen, die in den 10-Millionen-Bau nach Neukölln übersiedeln werden, sind 20 Wochen alt und sollen bereits vier Wochen später die ersten Eier legen. Damit beginnt eine Produktion, die streng nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben wird. In diesem größten Hennensilo Europas wird so gut wie alles automatisch abgewickelt: angefangen vom Füttern der Hühner bis zur Verpackung der Eier und zur Düngerherstellung. Selbst den Weg zum Kochtopf oder Grillspieß müssen die Tiere über die Automation antreten, wenn sie nach 72 Wochen Legetätigkeit ihr Soll erfüllt haben.

In den neun Etagen werden sich jeweils 14 000 Hühner aufhalten, die im Gegensatz zu ihren Vorfahren, die reine Mistkratzer waren, natürlich auch Eier legen, aber nicht mehr das Bedürfnis verspüren, nach vollbrachter Tat zu gackern. Auch ist ihnen die Lust am Scharren vergangen, zudem sind sie jeweils zu dritt in einem Käfig untergebracht, die nach Art von Regalen übereinander angeordnet sind. Die Tiere picken das Futter, das auf endlosen Bändern ohne Unterbrechung durch ihre Käfige rollt, sie schnäbeln Wasser, das jederzeit frisch aus Tropfhähnen kommt, und sie legen ihre Eier, die automatisch von einem Band zu Sammeltabletts transportiert werden. Das „Batteriefutter“ gerannte Menü der Tiere besteht aus dreißig nach Kaloriengehalt zusammengestellten Sorten, und je nach Bedarf wird zusätzlich reiner Muschelkalk gefüttert. Was die Berliner besonders in Harnisch brachte, war die Nachricht, daß die Etagen ausschließlich künstlich beleuchtet werden. Durch ein ausgeklügeltes Schaltprogramm werden Tagesbeginn und -ende imitiert, denn das animiere zum Ablegen der Eier, erklärt Göde.

Insgesamt werden in dem Hühnersilo nur 30 Personen tätig sein, einschließlich der Raumpflegerinnen, den Fahrern, die dem Handel jeden Tag legefrische Eier liefern sollen, und der Tierärztin, die auf täglichen Rundgängen über die Gesundheit der Tiere wachen und an der Farbe des Kammes erkennbare legefaule Hennen frühzeitig in die Schlachterei schicken soll.

Sollte einmal kein Hahn mehr nach Fabrikeiern krähen, kann der Hühnersilo auch als Bürohochhaus verwendet werden. Nur Fenster müßten dann noch eingesetzt werden.

Klaus Simson