Von Walter Koenig

Die Wettbewerbe des Modernen Fünfkampfes beginnen jeweils mit dem Geländeritt. Wer dabei – der Startabstand ist meist fünf Minuten – auf einer fair angelegten 1000- bis 1500-Meter-Strecke die festgesetzte Geschwindigkeit von 400 Metern pro Minute einhalten kann und dabei noch fehlerfrei mit 10 bis 23 teils beweglichen, teils festen Hindernissen fertig wird, hat sich bereits eine ausgezeichnete Ausgangsposition für die weitere Konkurrenz geschaffen. Erschwerend wirkt für die Teilnehmer, daß alle Pferde, wenn auch entsprechend vorbereitet und ausgewählt, vom Veranstalter zu stellen sind. Die Pferde werden ausgelost, und erst 20 Minuten vor dem Start darf der Reiter sein Pferd besteigen, um sich mit ihm wenigstens noch etwas anzufreunden, denn bei aller angestrebten Gleichmäßigkeit der Tiere behält jedes von ihnen seine individuellen Eigenarten. Deshalb müßte auch während des Trainings ein Pferdewechsel möglich sein, aber die dafür erforderliche Auswahl dürfte nur den wenigsten Fünfkämpfern zur Verfügung stehen.

Am zweiten Tag hat jeder Konkurrent gegen jeden mit dem Degen zu fechten, wobei schon der erste Treffer den Sieg bedeutet. Ein großes Feld verlangt also zuerst einmal erhebliche Ausdauer. Dazu kommt die Beherrschung der Fechtkunst. Routiniers streben kaltblütig schnelle Siege an. Zu vorsichtiges Fechten könnte bei fünfzig und mehr Kämpfen – mit einer maximalen Dauer von je drei Minuten – sich über viele Stunden erstrecken und zur Übermüdung führen. Ist nach Ablauf dieser drei Minuten keiner der beiden Fechter getroffen, gelten sie beide als getroffen.

Zwanzig Schüsse sind am dritten Tag mit einer Pistole oder einem Revolver, Mehrlade- oder Einzelfeuerwaffe mit offenem Visier und Korn ohne doppelten Abzug, aus 25 Meter Entfernung in vier Serien zu je fünf Schüssen, abzugeben. Zwischen jedem Schuß stehen zehn Sekunden zum Laden zur Verfügung. Stehend freihändig wird auf eine 1,60 Meter hohe Figurenscheibe mit Zehnerteilung geschossen. Und zwar jeweils innerhalb von drei Sekunden ein Schuß. Nur solange ist die Scheibe sichtbar. Schlechte Ergebnisse sind nur schwer wiedergutzumachen. Auf dem Asaka-Stand bei den Spielen in Tokio verschob das Schießen nach dem Reiten und Fechten die Rangliste erheblich. Der Russe Albert Mokejew erreichte von 200 möglichen Ringen 198! Vergleichsweise hatte schon 1928 in Amsterdam der Deutsche H. Hax, nach dem Kriege General der Bundeswehr, 196 Ringe erzielt. Er mußte damals mehrere Stunden auf seinen Aufruf warten und schlief über diese nervenaufreibende Zeit einfach hinweg. Ein probates Athletenmittel, sich Lampenfieber möglichst lange vom Leibe zu halten.

Am vierten Tage ist das Freistilschwimmen über 300 Meter an der Reihe. Nur Krauler kommen da zum Zug. In Tokio blieb ein Drittel der Fünfkämpfer unter vier Minuten! Zwölf Jahre vorher, in Hämeenlina, beim Fünfkampf der Olympischen Spiele in Helsinki, waren nur wenige Teilnehmer, unter dieser Zeit geblieben. Die Erfahrungen des modernen Ausdauertrainings gelten eben auch hier.

Den Abschluß bildet am letzten Tag ein möglichst mit Steigungen durchsetzter Querfeldeinlauf über 4000 Meter mit Minutenstart. Dabei heißt es bei bester Einteilung der Kräfte in kürzester Zeit die Distanz zu bewältigen, sich erst auf dem letzten Teil bis zur Erschöpfung auszugeben. Möglichst rationelles Langstreckentraining wäre dazu die Voraussetzung. Doch schon typenmäßig sind längst nicht alle Fünfkämpfer dazu geeignet. Der schlanke Läufer, der leptosome Konstitutionstyp, kann wohl eine hervorragende Zeit erzielen, ist aber wieder bei anderen Wettbewerben benachteiligt. Sein Antipode, der Pykniker, muß im Gelände besonders leiden. Er tut sich dafür wieder im Wasser leichter.

Es ist deshalb gar nicht einfach, ein äußerliches Musterbild des idealen Fünfkämpfers festzulegen. Vielleicht kommt ihm der athletische, der muskuläre Typ am nächsten. Aber nur ein sportlich intelligenter Mann, der von Natur aus zur Vielseitigkeit neigt, damit auch zur entsprechenden Umstellung von Konkurrenz zu Konkurrenz fähig ist, kann innerhalb dieser fünf Tage auch nervlich den beträchtlichen Anforderungen des Reitens, des Fechtens, des Schießens, des Schwimm mens und des Laufens entsprechen. Natürlich muß er die Strapazen des heutigen Trainings während etlicher Jahre auf sich nehmen. Gelassenheit und Humor sind nützliche Hilfen. Aber viel Zeit ist erforderlich. Sehr viel Zeit, womit wir bei der wirtschaftlichen Seite dieser Geschichte sind. Fast täglich soll der Fünfkämpfer reiten, mehrmals wöchentlich fechten und schießen, mindestens dreimal wöchentlich schwimmen und möglichst ebensooft laufen, alles in einer steten Balance, um bei großen Anlässen auf fünf so gegensätzlichen Gebieten seine persönliche Höchstform zu erreichen.