Wenn Erhard geht – was kommt danach?

Wir hatten letzte Woche vier Möglichkeiten genannt, die sich jetzt in Bonn theoretisch anbieten: Minderheitsregierung, kleine Koalition wie gehabt, Große Koalition zwischen CDU und SPD, kleine Koalition zwischen SPD und FDP.

Wir hatten gehofft, in dieser Woche schon klarer aufzeigen zu können, welche dieser Lösungen wohl die wahrscheinlichste ist. Aber wer in aller Welt könnte sich heute zutrauen, etwas darüber zu sagen, was morgen in Bonn werden wird? Allenfalls einer, der Karten legen, Tische rücken oder aus Kaffeesatz wahrsagen kann, aber kaum jemand, der gewohnt ist, eine Situation rational zu analysieren und sich dann zu fragen: Wer hat welche Interessen, welche Ziele, wieviel Kraft und was für Gegenspieler?

Wenn Ludwig Erhard wirklich meint, er selber könne, nach allem was gewesen ist, eine neue Koalitionsregierung bilden, so ist das schon nicht mehr rational zu nennen. Weder die FDP noch die SPD werden in eine Koalition eintreten, die Ludwig Erhard führt. Seiner letzten Hoffnung, der grotesken Minderheitsregierung (Seebohm als Vizekanzler!), wird keine lange Dauer beschieden sein.

Theoretisch könnte die Minderheitsregierung zwar bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahre 1969 dahinvegetieren – aber eben nur theoretisch. Eine solche Agonie in Permanenz würde zum totalen Verfall der Union führen, trüge dazu bei, überall in den Ländern die CDU/CSU aus der Regierung herauszudrängen und damit den Bundesrat allmählich zu einem Instrument der Opposition werden zu lassen.

Ein paar Wochen Zeit braucht die CDU/CSU allerdings,bevor sich herausschälen kann,welcher der potentiellen Nachfolger Erhards, die – sagen wir es bescheiden – größte Minorität hinter sich zu bringen vermag. Darum bot sich die Frist "bis nach den bayerischen Wahlen" geradezu an.

Die Analyse muß also jenseits der Person Erhards beginnen. Erste Frage: Was ist der letzte Termin, bis zu dem wir Ludwig Erhard als Kanzler ertragen müssen? Antwort: Äußersten Falles, nicht wahrscheinlicherweise, bis zu dem Datum, an dem der soeben gescheiterte Haushalt 1967 verabschiedet sein muß. Formal müßte dies am 31. Dezember 1966 geschehen, erfahrungsgemäß zieht sich dieser Vorgang freilich meist sehr viel länger hin.