Martha Pohl: Nemka, Biederstein Verlag, München. 293 Seiten, 16,80 DM.

Aus sowjetischen Arbeitslagern für Frauen hat seinerzeit die unvergessene Waltraut Nicolas berichtet, ohne eine Spur von Bitternis und Anklage, ein Gegenstück zu dem später erschienenen Bericht des Grafen Lehndorff. Auch Frau Pohl hat den Untergang Ostpreußens erlebt und lange Jahre in sowjetischen Lagern arbeiten müssen. Sie war 31 Jahre alt, als sie mit ihrem kleinen Sohn aus der ostpreußischen Kleinstadt, in der sie lebte, nach Königsberg floh, wo sie die Kapitulation der Stadt erlebte.

Sie versucht, in die Heimatstadt zurückzukehren, wird in ein polnisches Lager gesteckt, wo es ihr relativ gut geht, verläßt es dennoch, um über Elbing und Braunsberg in die Heimatstadt zurückzukehren. Dort übersteht sie den Winter 46/47, wird aber von Russen festgenommen, zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ohne daß ein konkreter Grund vorläge, und von ihrem Sohn getrennt.

Sie arbeitet dann in der Steppe von Kasachstan, ein Martyrium für die vollkommen verstörte, bis an die Grenze ihrer Kräfte beanspruchte Frau. Sie lernt nur langsam Russisch, erwirbt sich deshalb auch nur schwer Sympathie bei den meisten vom Lagerleben verrohten Gefährtinnen und wird als "Nemka", als Deutsche verachtet und herumgestoßen. Erst in den letzten Jahren gelingt es ihr, sich der Umgebung anzupassen und sogar Freundschaften zu schließen, wie sie zum Überleben in einem solchen Arbeitslager lebensnotwendig sind. Nach der Entlassung muß sie als Zivilarbeiterin im Lande bleiben; erst nach zwei Jahren kehrt sie zurück und findet den Sohn und den Mann in einer süddeutschen Stadt wieder.

Der Verlag, der auch Lehndorffs "Ostpreußisches Tagebuch" publiziert hat, war der Meinung, es handele sich hier um den ersten Bericht einer in der Sowjetunion gefangenen Frau. Es gibt aber Dokumentationen, welche diese spezielle Seite des deutschen Nachkriegsschicksals deutlich hervortreten lassen, so daß nur außergewöhnliche Aspekte die Veröffentlichung eines neuen derartigen Berichtes rechtfertigen würden. Dennoch wird man Frau Pohls Niederschrift nicht ohne Erschütterung und Anteilnahme lesen, denn sie hat die volle Wucht des ostpreußischen Schicksals stellvertretend für viele ertragen müssen.

Hannsferdinand Döbler