In ihrem Laboratorium in Moffet Field (Kalifornien) wollten Wissenschaftler der US-Raumfahrtbehörde NASA eigentlich nur ein Experiment wiederholen, das die Nobelpreisträger Melvin Calvin, Harold Urey und ihre Schüler schon vor mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich durchgeführt hatten: Sie stellten aus Methan, Ammoniak und Wasserdampf ein Modell der Uratmosphäre her, die vor Milliarden Jahren die Erde umhüllte, als die äußere Erdkruste gerade erstarrt war. Nachdem die NASA-Forscher 24 Stunden lang Blitzen von "Urgewittern" entsprechende Entladungsfunken durch das Gasgemisch gejagt hatten, konnten sie jedoch auf Grund der inzwischen verfeinerten Analysenmethoden Wesentlich mehr chemische Reaktionsprodukte finden als ihre preisgekrönten Kollegen vor 15 Jahren. Nach der Wiederholung des Experiments wurden Eiweißstoffe gefunden, die in der Urzeit der Erde geeignet gewesen sein könnten, die Bildung der ersten vermehrungsfähigen Moleküle, Ribonukleinsäure (RNS) oder Desoxyribonukleinsäure (DNS), zu beschleunigen. Für die Entstehung der ersten sich reproduzierenden Substanzen braucht nach dem NASA-Experiment nicht mehr ein so langer Zeitraum angenommen zu werden wie bisher.

Stanley L. Miller, ein Mitarbeiter Ureys, hat nach dem gleichen Experiment bereits im Jahre 1953 Spuren verschiedener Aminosäuren nachweisen können. Da die Säure- und Aminogruppen der Moleküle dieser einfachen Eiweißbausteine sich leicht zu längeren Ketten verbinden können, war schon nach diesen ersten Experimenten anzunehmen, daß sich in den "Urgewittern" einzelne Eiweißmoleküle gebildet hatten.

Als Energiequellen für den Aufbau höherer organischer Verbindungen kamen in der Urzeit der Erde zu den Gewitterblitzen noch andere physikalische Einflüsse. Da die Uratmosphäre kaum Sauerstoff oder Kohlendioxyd enthielt, hatten die ultravioletten Anteile der Sonnenstrahlung freieren Zutritt zur Erdoberfläche und zu den tieferen Atmosphärenschichten als heute. Nachdem Calvin eine künstliche Uratmosphäre mit solchen UV-Strahlen behandelt hatte, vermochte er spektralanalytisch neben einfacheren organischen Verbindungen auch Fettsäuren, Oxysäuren und Amine nachzuweisen. Die wichtigste Substanz, die dabei entstand, war aber Adenin. Es ist nämlich eine der fünf Basen, die zu den wesentlichen Bestandteilen der RNS- oder DNS-Moleküle gehören.

Der Leiter der NASA-Forschungsabteilung für chemische Evolution, Dr. Cyril Ponnamperuma, gab sich bei seinen in den letzten Jahren durchgeführten Experimenten nicht mit der Uratmosphäre zufrieden; er simulierte auf dem Boden des Reaktionsgefäßes außerdem noch die Gegenwirt eines urzeitlichen Sees. Denn es kann heute als erwiesen gelten, daß sich die ersten vermehrungsfähigen Moleküle aus atmosphärischen Produkten in flachen Lagunen oder mäßig bewegten flachen Gewässern gebildet haben.

In dem "Seewasser" wurden Salze gelöst, die im Urgestein enthalten waren oder sich daraus unter Urweltbedingungen gebildet haben könnten. Schon bei den ersten – vor etwa drei Jahren durchgeführten – Gewitterexperimenten zeigte sich, daß Salze der Phosphorsäure für die Weiterentwicklung der reproduktionsfähigen Stoffe große Bedeutung gehabt haben mußten; dem im Wasser fanden sich Spuren einer der wütigsten Zellsubstanzen, der Adenosintriphosphorsaure. Die Moleküle dieser Verbindung sind die Akkumulatorenbatterien der Zelle. Sie geben Energie für den Aufbau von Makromolekülen ab und laden sich unter geringfügiger chemischer Umwandlung bei Verbrennungsprozessen wieder mit Energie auf.

Nach seinen letzten Versuchen fand Dr. Ponnamperuma im Seewasser seines Reaktionsgefäßes unter der blitzdurchzuckten Uratmosphäre so viele nieder- und hochmolekulare organische Produkte, daß man von einer "Ur-Suppe" sprechen konnte, der für die Entstehung vermehrungsfähiger Moleküle kaum noch eine Zutat fehlte.

Eines der Hauptprodukte, die sich aus Methan und Ammoniak unter dem Einfluß der elektrischen Entladungen gebildet hatten, war Cyanwasserstoff (gasförmige Blausäure). Diese einfache Verbindung ist wegen ihrer chemischen Reaktionsfreudigkeit eines der wirksamsten Atemgifte. Für die ersten vermehrungsfähigen Moleküle war sie aber gerade wegen ihrer Reaktionsfreudigkeit lebenswichtig. Sie ist eine Vorstufe der Bildung von Aminosäuren und vor allem der stickstoffhaltigen Basen der Nukleinsäuren (RNS und DNS).