Washington, Anfang November

Für die letzte Etappe der Johnson-Reise durch Asien hat Peking einen bemerkenswerten Beitrag geleistet. Die Nachricht, daß den Chinesen ein Raketenversuch mit einer Atomwaffe gelungen sei, ließ alle Welt aufhorchen – vor allem die Asiaten.

Zwar erscheint durch diesen Versuch das Tempo der chinesischen Atomrüstung nicht wesentlich beschleunigt – es entspricht ganz dem Fahrplan, den der amerikanische Verteidigungsminister McNamara im vergangenen Jahr dem Atlantikrat vorgerechnet hatte. Aber die politisch-psychologische Wirkung des Tests war dennoch ungemein groß. Dem Werben Johnsons um die pazifisch-asiatische Verteidigungsolidarität zur Eindämmung des Festlandskolosses stellten die Chinesen hart und dramatisch ihre nukleare Kapazität entgegen. Der Atomraketenversuch war darauf angelegt, die Wirkung der Konferenz von Manila zu neutralisieren und den Kampfgeist Nordvietnams zu mobilisieren.

Es steckt mehr hinter dieser Drohung als nur leere Worte – der amerikanische Kernphysiker Ralp Lapp schätzt die Produktion der chinesischen Mittelstreckenraketen mit Atomköpfen für das nächste Jahr auf hundert Stück. Kein Wunder also, daß Johnson sogleich antwortete. Er tat das in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, mit zwei Sätzen, die schwerer wiegen als die vielen hundert Worte der Kommuniqués von Manila und die vielen tausend Worte seiner öffentlichen Ansprachen in den Hauptstädten der sieben Länder, die er besucht hat: "Die Führer Chinas müssen sich bewußt sein, daß jede von ihnen entwickelte nukleare Potenz abgeschreckt werden kann und abgeschreckt wird." Und Johnson fügte hinzu, daß jede nichtatomare Nation – wenn sie das wünsche – mit starkem amerikanischen Beistand rechnen könne, falls sie von einer Atommacht der "Drohung mit einer nuklearen Erpressung" ausgesetzt werde.

Johnson entwickelte noch profilierter als bisher einen neuen Leitsatz der amerikanischen Politik und Strategie – den Leitsatz der nuklearen Garantie. Noch ist nicht definiert, wie diese Garantie beschaffen sein wird und ob sie einen automatischen amerikanischen Schutz mit Atomwaffen für Nicht-Atom-Länder darstellen soll. Auch ist noch nicht klar, wie ihre völkerrechtliche Verbindlichkeit hergestellt werden kann. Aber von jetzt an steht Johnson mit zwei Beinen in Asien: Die USA treten dem Guerillakrieg der Kommunisten mit einem großen Heeresbann in Vietnam entgegen, und sie sichern darüber hinaus Schutz zu gegen atomare Bedrohung – die nur von China kommen und sich in den nächsten Jahren nur gegen asiatische Völker richten kann.

Wenn jetzt von einer Nukleargarantie der Vereinigten Staaten für asiatische Länder die Rede ist, dann denkt man vor allem an die beiden "Großen" in Asien, an Indien und Japan. Beide Länder wären innerhalb einer nicht allzu langen Frist in der Lage, selber. Atomwaffen zu produzieren. Wenn sie angesichts der potentiellen Nuklearbedrohung durch China darauf verzichten, so gewiß nur dann, wenn die Nukleargarantie durch die Vereinigten Staaten – und eines Tages womöglich auch noch durch die Sowjetunion – wirklich glaubhaft erscheint. Wie das aber zu bewerkstelligen sein soll, bleibt zunächst noch ungewiß. Denn schließlich gibt es kein festes asiatisches Bündnissystem, das mit den USA – geschweige denn mit der UdSSR – verflochten wäre.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist sich bisher des Wandels in der Zielsetzung, der zwischen Manila und Kuala Lumpur eintrat, kaum bewußt geworden. Der Kongreß kann nicht reagieren, weil seine Mitglieder vom Wahlkampf beansprucht sind. Doch wird es wohl nicht allzu lange dauern, bis Amerika begreift, welche Undefinierten und unübersehbaren Verpflichtungen ihm auf dieser Asienreise seines Präsidenten zugewachsen sind.