Der australische Außenminister Paul Hasluck hat in einer Rede vor der UN-Vollversammlung kürzlich dargelegt, warum sein Land sich am Krieg in Vietnam beteiligt. Wir halten dies für einen nicht unwichtigen politischen Meinungsbeitrag, den wir deshalb im Auszug veröffentlichen.

Ich behaupte nicht, daß die Situation in Vietnam einfach ist. Aber, was man nicht vergessen darf, ist die Tatsache, daß sich die Regierung der Republik Vietnam seit 1959 ständig wachsenden Wellen der Subversion, des Terrors und bewaffneten Aufstandes gegenübersah. Diese Aktionen wurden von Nordvietnam aktiv unterstützt. Bis zum vergangenen Jahr blieb Nordvietnam unbehelligt, das in immer größerem Umfang gutausgerüstete Truppen in den Süden schickte. Erst im vergangenen Jahr, nachdem bereits fünf Jahre auf dem Territorium Südvietnams Krieg geführt wurde, begann die Bombardierung Nordvietnams. Und auch dann wurden, soweit Technik und menschliches Geschick es ermöglichten, ausschließlich Ziele von militärischer Bedeutung bombardiert.

Wir alle teilen das menschliche Leid, das dieser Krieg verursacht. Denn es gibt Leid auf beiden Seiten. Oft mehr als Folge der kaltblütigen Massaker der Vietcong-Terroristen – denen nicht selten Frauen und Kinder von Regierungsanhängern zum Opfer fallen – als bei den militärischen Operationen. All dies gehört zum Bild des Krieges. Er kann nicht beendet werden durch Sieg oder Kapitulation einer Seite. Er kann nur durch ein Übereinkommen beendet werden. Unsere Seite hat die festen und engen Grenzen ihrer Ziele deutlich zum Ausdruck gebracht. Unsere Bereitschaft zum Waffenstillstand ohne Forderungen, ohne die Absicht zu bestrafen oder etwas zu gewinnen, ist klar erklärt worden. Doch unglücklicherweise hat Nordvietnam bis heute zu verstehen gegeben, daß es Vorteile für sich verlangt und Strafgerichte abhalten will. Es wünscht kein Übereinkommen sondern Kapitulation.

Im Zusammenhang mit Vietnam wird nach bekanntem Muster ein Mißverständnis verbreitet, indem man die vom Norden eingedrungenen Truppen als Befreiungsbewegung ausgibt. Wir in Australien machen einen großen Unterschied zwischen nationalen und patriotischen Befreiungsbewegungen, die so vielen der hier vertretenen Länder die Unabhängigkeit brachten, und der sogenannten Nationalen Befreiungsfront in Südvietnam.

In anderen Teilen Asiens und Afrikas wurden antikoloniale Befreiungsbewegungen geformt und geführt von Lehrern, Beamten, Rechtsanwälten und Militärs. Die Intelligenz war Speerspitze und Rückgrat der nationalen Bewegungen und gewann die Unterstützung der Bevölkerung. Aber es sind gerade diese Gruppen, die die Nationale Befreiungsfront in Südvietnam nicht für sich gewinnen konnte. Die FLN sieht sie im Gegenteil als ein entscheidendes Hindernis für ihre Absichten. Deshalb hat der Vietcong zu den Mitteln des Terrors gegriffen. Die Führer des kommunalen Lebens, vor allem in den Dörfern und Provinzstädten, werden entführt und ermordet. Die Zahl der in den vergangenen sechs Jahren Ermordeten geht in die Zehntausende. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden über 2000 Angehörige der Führungsschicht in den Dörfern vom Vietcong ermordet.

Welche wirkliche Nationale Befreiungsbewegung hat je ihre Aktionen in dieser Weise gegen Fachleute und Intelligenz des Landes gerichtet, das es befreien will? "Befreiung" ist hier das Etikett, unter dem Peking und Hanoi eine Politik betreiben, die zur Versklavung ihrer asiatischen Nachbarn führen würde, die unabhängig und frei sein wollen.