Das Auseinanderbrechen der Bonner Regierungskoalition hat die Börse gelassen hingenommen. Es gab keine sensationellen Kursstürze – und wenn nicht alles täuscht, wird die Börse auch nicht in die Knie gehen, falls es einen Wechsel im Bundeskanzleramt geben sollte. Der jetzige Regierungschef ist seit langem kein Börsenfaktor mehr. Man weiß, daß bei ihm nicht die Fäden der politischen und wirtschaftlichen Macht zusammenlaufen und daß sein Wille eben kein Gesetz ist.

Wenn die Kurse dennoch abbröckelten und das Geschäft am Aktienmarkt stagnierte, dann hing das im wesentlichen mit dem Bundeshaushalt 1967 zusammen. Seit dem Sommer hat es Kapitalanleger gegeben, die eine Anhebung der Einkommen- und Körperschaftsteuer für unvermeidlich hielten. Sie spekulierten darauf, daß die Bundesregierung ihr Wort, keine Steuererhöhungen vornehmen zu wollen, zur gegebenen Zeit brechen werde. Diese kritischen Betrachter der Bonner Szene, meist gute Steuerzahler, erwarben steuerfreie festverzinsliche Papiere, weil deren Steuerprivileg bei einer Anhebung der Einkommensteuersätze zwangsläufig an Wert gewinnen muß.

Für die meisten Kapitalanleger wären Steuererhöhungen keine Überraschung. Beruhigend meinten am Wochenbeginn einige Experten, daß eine fünfprozentige Erhöhung der Einkommen- und Körperschaftsteuer bereits "eskomptiert" worden ist, eine Ansicht, die jedoch längst nicht von allen geteilt wird. Eine Erhöhung der Körperschaftsteuer, auch wenn sie mit einer Anheung der Abschreibungssätze verbunden wird, kann nicht ohne Einfluß auf die Dividenden bleiben, zumindest werden einige Gesellschaften die Steuermehrzahlungen zum Alibi für Dividenden-Kürzungen nehmen.

Die zur Zeit geübte Zurückhaltung an der Börse ist aber noch aus einem anderen Grund erständlich. In den nächsten Monaten werden die Aktionäre wieder kräftig zur Kasse gebeten. Dieser Aderlaß für die Börse macht schon aus echnischen Gründen in den nächsten Wochen eine lurchgreifende Kurserholung wenig wahrscheinlich.

Mit einer baldigen Verabschiedung der Stabiliätsgesetze, die nach der bisher geltenden Auffassung eine Korrektur der restriktiven Bundesbankpolitik zur Folge haben würde, rechnet zur Seit niemand. In Bonn hat man jetzt andere Sorgen als die der Erhaltung der wirtschaftlichen Stabilität. Aber besteht tatsächlich ein Junktim zwischen dem Stabilitätsgesetz und einer Ändeung des Bundesbankkurses? Wahrscheinlich wird die Bundesbank auf Grund der sich immer mehr "beruhigenden" konjunkturellen Situation eines Tages gezwungen sein, auch ohne Stabilitätsgesetz die Zügel etwas zu lockern. Viel wird in dieser Einsicht von den künftigen Tarifverhandlungen abhängen. Gelingt es, die Bundesbank davon zu überzeugen, daß Lohnerhöhungen künftig im lahmen des effektiven Produktivitätszuwachses ;ehalten werden, von dieser Seite her also kein Druck mehr auf die Preise ausgehen kann, wären gewisse Krediterleichterungen auch dann zu vermtworten, wenn der durch die innerpolitische Krise gelähmte Bundestag die Verabschiedung des Stabilitätsgesetzes hinauszögern sollte. K. W.