Porträt+der+Krise: So zerbrach das zweite Kabinett Erhard / Von Rolf Zundel

Koalition auf Kollisionskurs

Bonn, Anfang November

Ein Sturm ist über Bonn aufgezogen. Er hat die politischen Gruppierungen wie in einem Kaleidoskop durcheinandergechüttelt, die Fassaden des Wohlverhaltens eingerissen und den Blick freigegeben auf die Männer, die Macht haben, und auf jene, die zur Macht drängen. Im Zentrum des Unwetters aber herrscht seltsame Stille. Der Kanzler, um den herum es vor Aktivität knistert, erscheint fast unberührt. Wo andere mit brüsken Erklärungen die Entwicklung zum Bruch vorantrieben, blieb Ludwig Erhard lakonisch: "No comment."

Wer ihn apathisch und scheinbar ohne Ziel durch die Gänge des Bundeshauses tappen sah, gefolgt von einem Schweif von Journalisten und Politikern, Erich Mende zur Seite, der unermüdlich auf ihn einredete, wer sein Gesicht betrachtete, in dem das grelle Blitzlicht der Kameras und der Scheinwerfer mitleidlos die Spuren der Müdigkeit nachzeichnete, wer bemerkte, wie er über Telephon- und Fernsehkabel stolperte und seine hilflos wirkenden Gesten beobachtete – wer all dies sah, mochte fragen: "Weiß Ludwig Erhard wirklich, was mit ihm gespielt wird?"

"Nichts funktioniert mehr bei ihm, nur noch sein Sendungsbewußtsein ist intakt", höhnte einer seiner Parteifreunde, der ihn schon abgeschrieben hat. Wie er, so sind viele andere schon über Ludwig Erhard zur Tagesordnung übergegangen. "Wir werden von Stunde zu Stunde gescheiter", sagte der Kanzler, als er sich nach dem Bruch der Koalition auf den Weg zu seiner Fraktion machte. Der beiläufig hingeworfene Satz sollte aufdringliche Fragesteller abwimmeln, doch schwang darin viel mehr mit: bittere Erfahrung, Enttäuschung – ja, Verachtung. Es klang so, als ob der Kanzler sein altes Vorurteil, hierzulande gebe es in der Parteipolitik zuviel Ränkespiel und Rankünen, nun auch durch das Verhalten seiner eigenen Parteifreunde bestätigt gefunden habe.

Erhards Hilflosigkeit gegenüber Positionskämpfen und taktischen Finten verleitete seine Gegner zu der Annahme, sie würden leichtes Spiel mit ihm haben. Hier allerdings täuschten sie sich. Ludwig Erhard ist hilflos nur, weil er derlei Dinge für zweitrangig hält, für lästiges Beiwerk der eigentlichen Arbeit des Bundeskanzlers, die auszuführen er gegenwärtig noch immer allein einem einzigen Mann zutraut: sich selber. Nur so ist sein Verhalten zu erklären, das ein Teilnehmer der Gespräche mit dem Kanzler in dem Satz beschrieb: "Er kämpft nicht und er geht nicht."