Was Leo dem Löwen, dem altbekannten Symbol der Metro-Goldwyn-Mäyer-Studios vor wenigen Wochen passierte, ist symbolisch für das neue Hollywood. Er darf weiter alle MGM-Filme durch sein Brüllen verschönern, aber man hat ihm den Zutritt zu den Büros der MGM verboten. Dort wurde er auf dem Briefpapier und in der Literatur durch einen neuen "stylisierten" Leo ersetzt, der – sagt die Firma – ihrem progressiven Image besser entspreche.

Ob der Ausdruck "progressiv" ganz den Tatsachen entspricht, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist jedoch, daß die amerikanische Filmindustrie heute nicht mehr eine "Glamour"-Industrie ist, sondern sich offen zu dem bekennt, was sie trotz Glamour-Verbrämung immer war: Geschäftsunternehmungen, die Geld verdienen wollen. Zu dieser Umstellung haben verschiedene Ereignisse entscheidend beigetragen.

Bei der Betrachtung dieser Entwicklung muß man sich daran erinnern, daß es Hollywood in den fünfziger Jahren schlecht ging. Die Bevölkerung ging nicht mehr ins Kino, da sie das Fernsehen bequemer und billiger zu Hause hatte. Das Ausland brach mit oft künstlerisch wertvollen Filmen in den amerikanischen Markt ein, und eine Antitrust-Klage der Regierung hatte den finanziell lukrativen Zustand gebrochen, daß den Filmgesellschaften angegliederte Kino-Organisationen die Filme ihrer Studios vorführen mußten, ob sie wollten oder nicht.

In dieser nicht sehr hoffnungsfreudigen Situation gab es nur eine Lösung – sich umstellen! Die Machthaber Hollywoods schluckten ihren Stolz und gaben dem Drängen des Emporkömmlings, des Fernsehens, nach. Sie begannen damit, ihre alten Filme zu verkaufen, zuerst die ganz alten aus den zwanziger Jahren, die die (privaten) amerikanischen Fernsehgesellschaften in den späten Nachtstunden vorführten. Die Entwicklung hat gezeigt, daß diese Verkäufe vom Standpunkt der Filmgesellschaften aus richtig waren. Auch diese sehr alten Filme fanden ein Publikum – alte Leute, die sich die Filme ihrer Jugend mit Vergnügen wieder ansahen, und die heutige Jugend, die sie nie gesehen hatte.

In sehr kurzer Zeit wurden die alten Filme, die "Film-Büchereien", mit die wertvollsten Posten in der Bilanz der Studios. Warner Brothers erzielte für die neun Monate bis Ende Mai dieses Jahres ein Einkommen von 50,8 Millionen Dollar aus dem regulären Filmverleih und mehr als die Hälfte dieser Summe – 27,3 Millionen – aus Fernsehabschlüssen.

Das Columbia Broadcasting System (CBS), eines der drei großen im ganzen Land sendenden Fernsehnetze, schloß Ende September einen Vertrag von über 53 Millionen Dollar mit Metro-Goldwyn-Mayer, der der Fernsehgesellschaft das Recht auf 63 Filme sichert, darunter auch solche aus neuester Zeit und andere, die noch nicht gedreht sind. Die American Broadcasting Company, eine andere große Fernsehgesellschaft, kaufte Filme von Paramount für rund 20 Millionen Dollar und für den gleichen Betrag von Twentieth Century-Fox.

Jack O’Brian, ein bekannter Kolumnist, schätzte dieser Tage, daß die amerikanische Fernsehindustrie innerhalb von zehn Tagen im September dieses Jahres Hollywood-Filme im Wert von 100 Millionen Dollar erworben hat.