Von Horst Krüger

Neuerscheinungen von Heinrich Böll haben seit einigen Jahren aufgehört, unsere Literaturkritik in spürbare Erregung zu versetzen. Über Böll ist, vor allem in den späten fünfziger Jahren, unendlich viel geschrieben und diskutiert worden – mit Recht. Er war die bewegendste und aufrichtigste Stimme einer neuen Schriftstellergeneration in Deutschland, die entschlossen war, Gesellschaft und Politik als moralische Phänomene ernst zu nehmen.

Moralisch engagierte Zeitgenossenschaft – unter diesem Stichwort kann man Bölls gesamtes Frühwerk zusammenfassen. Es scheint mir, bei allen Qualitätsunterschieden, von den ersten Erzählungen aus "Der Zug war pünktlich" (1949) bewundernswert konsequent bis zu dem Roman "Billard um halbzehn" (1959) zu reichen. Eine Literaturgeschichte der fünfziger Jahre wird Bölls Prosa immer an erster Stelle nennen und rühmen müssen. Sein Leiden an der Zeit kam aus unmittelbarer politischer Erfahrung und Betroffenheit. Seine Sozialkritik traf eine neu entstehende gesellschaftliche Realität, die sich etablierende Bundesrepublik, scharf und böse. Der Moralist und Satiriker, der Parodist und Aufrührer – er artikulierte den humanen Protest gegen ein neues Establishment, das von der Wurzel her leider so neu nicht war.

Heute ist diese publizistische Auseinandersetzung mit Böll beinahe verstummt. Liegt das nur daran, daß alles Wesentliche ausgesagt, durchdiskutiert, aufgeklärt war?

Mir scheint ein tieferer Grund vorzuliegen. In dem Maße, wie Böll sich durchsetzte, zur Wirkung kam, ja als Schriftsteller zu einem in unserer Nachkriegsliteratur einmaligen Welterfolg wurde, verlor er für die Literaturkritik an produktivem Reiz und Interesse. Ein neuer Böll? Diese Nachricht, die Verleger- und Buchhändlerherzen höher schlagen läßt, versetzt die Kritik eher in einen Zustand wohlwollender Ratlosigkeit.

Das Merkwürdige an diesem Prozeß ist, daß dabei der Böll der mittleren Jahre, der 1963 mit den "Ansichten eines Clowns" beginnt, kein anderer Böll geworden ist als auch der frühe Böll. Er ist sich immer auf eine unvergleichliche Weise treu geblieben. Er schildert noch immer den Protest und den Aufruhr der kleinen Leute – nur daß diese Gesellschaft inzwischen komplizierter, verwickelter, uneinsichtiger geworden ist. Bölls Helden sind noch immer die naiven Protestgestalten, nur die Wirklichkeit unserer heutigen Gesellschaft treffen sie immer weniger präzis.

Diese Unangemessenheit seiner Lieblingsgestalt wurde, wie mir scheint, in den "Ansichten eines Clowns" zum erstenmal deutlich sichtbar. Der Roman blieb trotzdem ein bedeutender Liebesroman unserer Zeit. Nur das Sozialkritische verwischte sich schon hier ins Ungefähre.