Spielregeln im Sport haben etwas von der Allmacht einer Verfassung. Man sollte an ihnen nicht leichtfertig rütteln. Der Fußball hielt sich bisher daran.

Lange wachten allein die Briten über den Fußballregeln. Sie setzten eine allmächtige Behörde ein, den "International Board", der für die Regeln verantwortlich war. In diesem fußballerischen Welt-Gesetzhof saßen ursprünglich nur die Vertreter der vier britischen Fußball-Verbände England, Schottland, Wales und Irland. Selbst die FIFA respektierte automatisch die Beschlüsse des Board. Der Einfluß der FIFA war indessen gering; bis zum 2. Weltkrieg gehörten die britischen Verbände ihr gar nicht an. Noch heute sitzen im "Fußball-Weltgerichtshof" vier Briten und nur vier Repräsentanten der FIFA. Gegen Großbritannien kann also keine Fußballmacht der Erde eine Regel ändern. Es stünde im günstigsten Fall 4:4.

Es war freilich nicht zu seinem Schaden, daß konservativer britischer Geist hundert Jahre lang den Fußball diktierte, über seine Regeln wachte. Alle Vorschriften vom Einwurf bis zum Elfmeter, von der Spielerzahl bis zum Abseits dachten sich britische Köpfe aus. Das Paragraphenwerk wuchs Stück für Stück, langsam sich entwickelnd in Jahrzehnten Fußballpraxis auf britischen Spielfeldern, zu Zeiten, da sonst in der Welt Fußballtore noch Raritäten oder gar Kuriositäten waren. Die Grundidee des Elfmeters zum Beispiel kam schon 1891 in die Regeln hinein.

Schon vor, aber erst recht nach der letzten Fußballweltmeisterschaft tauchten viele Ideen und Pläne auf, die Regeln zu ändern. Man glaubt damit der wachsenden Unfairneß und der Mode des Defensivspiels entgegenwirken zu können. Die Tore sollen größer werden. Für den Strafraum schlägt man weiter gezogene Grenzen vor. Der Hitzigkeit des Spiels wollen viel? durch "Spielausschluß auf Zeit" – à la Eishockey – begegnen. Schiedsrichter entschließen sich nicht gern zu Feldverweisen bis zum Spielende. Der italienische Trainer Herrera steht mit seiner Forderung, die Abseitsregel ganz abzuschaffen, nicht allein. Andere weisen auf andere Sportarten hin, die Abseitszonen kennen. Das Gesetz, daß in Meisterschaftsspielen kein Spieler, nicht einmal ein verletzter Torwart ersetzt werden darf, wird immer häufiger durch Sonderregelungen umgangen. Die neugeschaffenen Europameisterschaften der Nationalmannschaften erlauben ausdrücklich den Austausch eines verletzten Schlußmannes. Jugoslawien möchte einen zweiten Strafstoß einführen, der aus größerer Entfernung wie ein Elfmeter geschossen werden soll. Sogar das uralte, ungeschriebene Gesetz des Fußballs, drei Eckbälle wie einen Elfmeter zu werten, taucht auf. Das umstrittene dritte Tor des Weltfinales in London rief auch wieder die Anhänger eines "Torrichters" auf den Plan.

Die meisten dieser, zum Teil grotesken Regelformen spuken nur in einigen phantasiebegabten Köpfen. Sie wurden noch nicht beantragt. Wie der Generalsekretär der FIFA, Helmut Käser, bestätigte, drangen manche Änderungspläne, wie etwa die Vergrößerung von Toren oder Strafräumen, nicht einmal bis zu den zuständigen Gremien vor.

In seiner letzten Sitzung, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft, machte der "International Board" seinem Ruf alle Ehre, überaus vorsichtig zu sein. Ihnen lagen Anträge vor; sie beschäftigten allerorten die Gemüter. Ein Grundgesetz soll fallen: Eine Fußballmannschaft soll in Zukunft nicht mehr aus elf, sondern aus 13 Spielern bestehen, von denen allerdings immer nur elf gleichzeitig auf dem Feld sein dürfen. Die Reform wäre indessen nur die Legalisierung einer schon weit fortgeschrittenen Praxis. Selbst in England, wo man lange an dem Gesetz festhielt, daß niemand ausgetauscht werden darf, ist es erlaubt, daß ein Spieler ersetzt wird, wenn er verletzt ist. Da sich aber in der Praxis fast nie exakt feststellen läßt, wann jemand verletzt ist, lautet der Änderungsantrag, in jedem Fall zwei Spieler austauschen zu dürfen, gleichgültig ob sie verletzt sind oder nicht. Die ausscheidenden Spieler dürfen nicht wieder auf das Feld zurückkehren.

Das würde praktisch die Einführung der "Fußball-Dreizehn" bedeuten. Ein natürlicher Fortschritt. Viele Fachleute warnen vor der 13. Diese Regelung hätte unübersehbare Folgen für die vielen Jugend- und Amateurmannschaften. Manche verdorrten, wenn sie den über ihnen rangierenden Mannschaften jeweils ihre beiden Besten abgeben müßten. Oder ein kleiner Verein, der sparen muß und nicht dreizehn Spieler auf Reisen schicken kann, wäre im Nachteil gegenüber dem Gastgeber, der mühelos auswechseln könnte.