Trotzdem werden die Debatten weitergehen. Schon vor Jahren schlug ich dem FIFA-Präsidenten, Sir Stanley Rous, vor, zur alten Abseitsregel zurückzukehren. Sie würde der Mannschaft erlauben, die Abwehrkette zu lockern, weil die verschärfte Abseitswaffe dem Gegner den Sturm auf das Tor erschwere und die Verteidigung entlaste. Ein schöner Fußball würde sich dann wieder mehr im Mittelfeld entfalten können. Sepp Herberger entgegnete, daß der moderne Fußball die Nachteile der Abseitsregel durch moderne Spielauffassung überwinden müsse. Helmut Käser fand hierfür die Formulierung, daß die Taktik des Spiels nicht von den Regeln, sondern in erster Linie von der Mentalität des Spiels und der Spieler bestimmt werde.

Die Abseitsregel wird jedenfalls vorerst nicht angetastet. Der "International Board" setzte sie von der Tagesordnung ab. Da der Gedanke aufgetaucht war, sie ganz abzuschaffen, ist diese Entscheidung nur zu begrüßen. Ein Fußball ohne Abseits würde dem konstruktiven Spiel schaden. Fußball würde zu einem "Grabenkrieg" zwischen Abwehrmauern vor den Toren.

Der Prüfung wert ist die in England aufgekommene Idee, den Strafraum zu vergrößern. Den notorischen Notwehr-Foulspielern an der Strafraumgrenze nahe dem Tor muß das Handwerk gelegt werden. Die harmlosen Freistöße an der 16-m-Linie bedeuten für sie keine ausreichende Strafe, sie ermuntern gar zum Foul. Ich denke dabei an die brutalen Fouls an Pelé nahe dem Strafraum bei den Weltmeisterschaftsspielen. Elfmeter müßten eher fällig werden. Das würde ein gefährliches und gemeines Spiel nicht völlig verhindern, aber einschränken.

Grundsätzlich aber können wir uns beglückwünschen, daß die Fußball-Gesetzgeber so geizig sind mit voreiligen Reformen. Die Spielregeln, sozusagen das "Welt-Grundgesetz" des Fußballs, wurzeln in einer nahezu jahrhundertealten bewährten Tradition. Vielleicht trägt die Unantastbarkeit der Regeln zur beispiellosen Volkstümlichkeit des Fußballs bei. Vielleicht beschworen manche andere Sportarten durch leichtfertige Regeländerungen das Abbröckeln ihrer Popularität herauf. Friedebert Becker