• "Spanische Zeichnungen von El Grecobis Goya" (Hamburg, Kunsthalle); 220 Elätter sind ausgestellt, die Mehrzahl kommt aus dem Prado, der Nationalbibliothek und der Akademie San Fernando in Madrid und war außerhalb Spaniens noch nicht zu sehen. 90 Blätter gehören der Hamburger Kunsthalle.

Wolf Stubbe hat die Ausstellung arrangiert, als Teilstück, vermutlich das letzte, in einem Zyklus europäischer Zeichenkunst, der nacheinander, im Abstand von Jahren, Beiträge aus Italien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden brachte. In diesem europäischen Panorama hat Spanien eine vergleichsweise ephemere Bedeutung. Die spanischen Maler, und gerade die größten, Goya ausgenommen, sind primär Maler und nicht wie die Deutschen auf die Zeichnung angewiesen, um ihre Einfälle, Ideen, Beobachtungen festzuhalten und aus der Skizze das Bild zu entwickeln. Oft entwerfen die Spanier das Bild ohne Vorzeichnung direkt auf der Leinwand. Sowohl El Greco wie Velasquez sind nur mit einem einzigen Blatt vertreten. Für die Landschaft, ein großes Thema etwa der Niederländer, fehlt ihnen der Blick. Profane Motive sind selten, der geniale Zeichner Castillo, ein Zeitgenosse des Velasquez, als Maler fast unbekannt, bildet mit seinen Skizzen aus dem Leben der Bauern die Ausnahme. Innerhalb der religiösen Thematik dominieren die Darstellungen solcher Situationen, die von einer ruhigen Mittellage am weitesten entfernt sind: Martyrium und Verzückung. Beiden ist die übersteigerte Geste gemeinsam, dem Motiv der Ekstase entspricht die ekstatische Zeichnung, der dynamische Duktus, der Stakkato-Rhythmus der Linie. Diese atemlosen, überstürzten, gewalttätigen Blätter bilden den extremen Gegensatz zum zeichnerischen Belkanto der Italiener.

Im 18. Jahrhundert normalisiert sich unter französischem Einfluß die Zeichnung gelegentlich zu konventioneller Glätte, aber ein Künstler wie Maella bleibt mit Leidenschaft und gegen den Geist des Rokoko bei der Spanischen Linie, die in Goya kulminiert. Die 32 Goya-Blätter, einige werden hier zum erstenmal gezeigt, bedeuten den Höhepunkt der Ausstellung und der spanischen Zeichenkunst. Man sieht einige Vorzeichnungen zu den bekannten Radierzyklen und Blätter aus dem "Großen Sanlucar-Album" mit den sarkastischen, desparaten Studien aus der Welt der Mayas. Für passionierte Liebhaber der Zeichnung ist die Ausstellung vor allem wegen der vielen unbekannten spanischen Künstler ungemein attraktiv. Sie dauert bis zum 4. Dezember. Gottfried Sello