HPB, Hamburg

Beatle-Frisuren beschäftigen neuerdings die Gerichte. Lehrlinge und junge Arbeiter werden ihrer langen Haare wegen entlassen und prozessieren mit den Arbeitgebern. Meist findet sich ein Grund, der die Entlassung rechtfertigt: Entweder sind die langen Mähnen unhygienisch (zum Beispiel in Lebensmittelgeschäften), oder sie erhöhen die Unfallgefahr ("Wenn nun der Schopf von einer Maschine erfaßt wird!"), oder der Arbeitgeber verlangt einfach, daß die Angestellten sich dem Geschmack der Kunden beugen. Während in Schweden sogar Offiziersanwärter lange Haare tragen dürfen, entscheiden die Richter bei uns meist zugunsten der kurzgeschorenen Dienstherren.

Die Langhaarigen haben es also schwer vor deutschen Gerichten. Wie überall in der "gutbürgerlichen" Gesellschaft, schlägt ihnen auch hier Mißtrauen, ja Verachtung entgegen. Kürzlich kam ein bayerischer Jugendrichter gar auf den Gedanken, einen Langhaarigen eben seiner Haare wegen zu einer Ordnungsstrafe zu verurteilen – "wegen Ungebühr vor Gericht". Das Oberlandesgericht München hob diesen Beschluß auf. Aber wer den Aufhebungsbeschluß als Beispiel überlegener Toleranz feiern wollte, sieht sich durch die Lektüre der Gründe tief enttäuscht.

"Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung diese Tracht ablehnt und als töricht, lächerlich, oder geschmacklos empfindet, hat sie sich, nicht nur in der Bundesrepublik, bei vielen Jugendlichen durchgesetzt, die glauben, auf diese besondere Art ihre Persönlichkeit entfalten zu sollen." Dies müsse ihnen "unbenommen bleiben", meinen die Richter zu Recht, weil nämlich ein Verstoß gegen "das Sittengesetz" und damit gegen das Grundgesetz nicht "inmitten" liege. Doch als sei es schon fast zuviel, den Beatle-Fans Verfassungsmäßigkeit zu bestätigen, folgt sogleich der Nachsatz: "... mag auch die Tracht nach der allgemeinen Auffassung gegen den guten Geschmack verstoßen und einem jungen Mann ein lächerliches Aussehen verleihen."

Den hohen Richtern scheint das Motto vorgeschwebt zu haben: "Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt!" Denn sie krönen ihren Beschluß mit dem Satz: "Im übrigen wird die Würde des Gerichts dadurch überhaupt nicht berührt, daß ein Beschuldigter oder ein Zeuge durch einen ‚Pilzkopf‘ auffallen will."

Richtig – doch bleibt ein bitterer Geschmack bei diesem Geschmacks-Gericht. Einem Richter, einem Jugendrichter zumal, sollte beim Anblick einer Beatle-Mähne mehr einfallen, als daß ihr Träger bloß auffallen oder gar die Würde des Gerichts verletzen wolle. Auch ein Richter darf Ungepflegtheit abstoßend finden, aber ästhetische Urteile ergehen nicht im Namen des Volkes. Wer ex cathedra andere ohne Not "töricht, lächerlich und geschmacklos" schilt, muß sich gefallen lassen, daß man ihn "Spießer" nennt und (womöglich) seine Kompetenz bezweifelt.