Luxusreisen unter Hammer und Sichel – Seite 1

Von Claus Bardtholdt

Vor einigen Jahren wäre die Vorstellung nochgrotesk erschienen, daß ausgerechnet die Sowjets den Kapitalisten westlicher Länder solide (aber keineswegs luxuriöse), in der DDR gebaute Fahrgastschiffe für Luxuskreuzfahrten und als schwimmende Luxushotels anbieten. Nicht aus Gründen der Völkerfreundschaft (die DDR-Passagierschiffe "Völkerfreundschaft" und "Fritz Hecken" mußten schon vor fremden Küsten Devisen hereinfahren), sondern um Dollars zu verdienen.

In diesen Tagen stellte eine so gut wie unbekannte schwedische Reederei, die Scandinavian Ocean Lines, Malmö, in Kopenhagen die 20 000 BRT große "Alexander Puschkin" vor, die von den Schweden für drei Westindien-Kreuzfahrten von je 31 Tagen Dauer gechartert wurde. Vor einer Woche lief ein zweites sowjetisches Fahrgastschiff, die "Taras Shevchenko", ebenfalls in der DDR gebaut, mit Neckermann-Passagieren von Genua in Richtung Karibische See mit 670 deutschen Fahrgästen aus. Während für die "Alexander Puschkin" Auslaufhafen und Endpunkt Kopenhagen ist, können Neckermann-Reisende, die unter Hammer und Sichel fahren, wählen, ob sie eine ganze Rundreise von 39 Tagen – von Genua über Casablanca und Westindien bis Genua – an Bord der "Taras Shevchenko" bleiben wollen, oder ob sie einen Weg mit dem Schiff und für die An- und Rückreise das Charterflugzeug wählen. Dauer dieser Reisen 19 oder 20 Tage.

Die Benutzung sowjetischer Verkehrsmittel durch westliche Touristen ist kein Novum – erstaunlich ist nur, daß die mit dem Schweiß mitteldeutscher Arbeiter und dem Volksvermögen der Russen erbauten Schiffe als Vergnügungsobjekt für ein Geschäft herhalten müssen, das – selbst im sogenannten kapitalistischen Westen – als der Gipfel von Nichtstun und Erholung angepriesen wird: Reisen in die Rumba- und Calypsowelt der Karibischen See, die für das eigene Volk unerreichbar ist.

Im vergangenen Jahr sind bereits einmal rund 150 deutsche Passagiere mit einem dieser Schiffe von einem Mittelmeerhafen aus in das Schwarze Meer und das östliche Mittelmeer gefahren. Veranstalter waren damals Italiener. Der Erfolg war nicht so, daß man bereit war, das Schiff wieder unter Charter zu nehmen. Hauptpunkte der Kritik: Das Schiff sei ungemütlich gewesen und die Verpflegung habe zu sehr russischen Vorstellungen entsprochen, obwohl italienische Köche an Bord waren. Und vor allem: Außer einem kleinen Kreis von Besatzungsmitgliedern sprach niemand Englisch. Unter den Passagieren aber waren zu wenige, die Russisch verstanden.

Ein Äquivalent war damals und ist auch heute, sowohl bei Neckermann als auch bei den Schweden, der Preis. Ohne Zweifel ist es auf den ersten Blick sehr attraktiv, 31 Tage Kreuzfahrt für 980 Mark buchen zu können. Bei diesem niedrigen Betrag fragt kaum jemand danach, ob es eine Vierbettkabine ist und wie sie aussieht. Tatsächlich liegen je zwei Kojen übereinander, aber immerhin mit einem Bullauge und dem Blick auf die See. Diese Kabinen, ohne Bad, Dusche, ohne Toilette, entsprechen dem mittleren Standard der Matrosenkammer deutscher Reedertonnage – nur werden dort höchstens noch zwei Mann untergebracht.

Der Minimumpreis hat außerdem – und darin haben die Sowjets sehr schnell die Praktiken ihrer kapitalistischen Konkurrenten übernommen – einen branchenüblichen Haken: Es gibt davon nur sehr wenige Kabinen. Die Preise rutschen sehr schnell in die höheren Kategorien, ohne daß damit entscheidend mehr geboten würde. Dazu sagte ein deutscher Reisebürofachmann: "Die Lockpreise müssen natürlich von den anderen mitbezahlt werden."

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Der Spitzenpreis von 4080 Mark wird für eine Luxus-Single-Kabine mit Badezimmer verlangt. Ihre Einrichtung entspricht annähernd dem Stil westeuropäischer Passagierschiffe, abgesehen vielleicht davon, daß die Wasserleitungen nicht verdeckt verlegt sind. Andererseits ist ein großer Radioapparat mit Plattenspieler angeschlossen.

Zur Einrichtung der sowjetischen Schiffe, der Aufenthaltsräume vor allem, sagte einer der schwedischen Reisebüroleute: "Stil der Helgoland-Schiffe Mitte der fünfziger Jahre."

Das Essen wird möglicherweise auf den Kreuzfahrten des schwedischen Charterers keinen Anlaß zu Klagen geben. Er nimmt außer einem schwedischen Koch noch ungefähr ein halbes Hundert Skandinavier an Bord. Von den 300 Mann Besatzung sind also die meisten Mitglieder Russen. Neckermann hat kein deutsches Küchenpersonal an Bord, sondern nur zwölf Reiseleiter. Die Besatzung und die Stewards sind Russen. Deutsche Reisebürofachleute halten es für sehr wichtig, daß die Sowjets, was das Essen betrifft, westlichen Bedürfnissen entgegenkommen. Im übrigen können sie damit rechnen, daß die deutschen Passagiere so sachlich und bescheiden reagieren wie die Teilnehmer auf sowjetischen Schiffen vor einem Jahr. Sie erklärten, sie hätten den Gegenwert für ihr Geld bekommen und Gebiete gesehen, in die sie sonst nicht gekommen wären. Sie vermerkten positiv, daß die Passagepreise auch die Trinkgelder enthielten, jene auf allen Schiffen der traditionellen Schiffahrtsnationen gefragten und gefürchteten Tips.

Schwimmbad mit Bar, Stabilisatoren britischer Herkunft werden auf der "Alexander Puschkin" jetzt in Riga eingebaut. Kino und andere Unterhaltungen für den umworbenen Seetouristen, der immer anspruchsvoller wird, sind vorhanden. Im Gymnastikraum fand einer der schwedischen Reederei-Agenten sogar westliche Erzeugnisse: Punchingball, Rudergerät und Zimmerfahrrad, mit denen die Gäste überflüssige Pfunde abstrampeln können.

Eines müssen die Passagiere allerdings können: lesen. Nicht gerade die kyrillischen Buchstaben an Bord, die an allen wichtigen Stellen durch englische Bezeichnungen ergänzt sind. Vielmehr bereits in den Prospekten. Sowohl Neckermann als auch die Schweden schreiben ehrlich in ihren Angeboten, daß (abgesehen von der 39-Tage-Möglichkeit bei Neckermann) sich die Passagiere nur sieben, acht oder zehn Tage in der Karibischen See befinden. Unterwegs werden Gibraltar und Casablanca oder Madeira und die Azoren kurz angelaufen.

Neckermann kann 686 deutsche Passagiere pro Reise an Bord nehmen. Die Schweden wollen es nur, auf rund 650 bringen. Lediglich 125 davon werden Deutsche sein (ein Hamburger Reisebüro ist mit dem Verkauf der Plätze beauftragt), die übrigen Schweden. (Im Liniendienst zwischen Leningrad und Kanada kann die "Alexander Puschkin" maximal 750 Passagiere befördern.) In der See-Touristik ist die Vokabel "Luxus" in den Prospekten abgenutzt und irreführend. Sie steht nur wenigen Schiffen und ihrem Service zu. Korrekt ist dagegen die Formulierung, die der schwedische Reederei-Direktor Helmer Torre gebraucht. Er spricht von Kreuzfahrten zu Volkspreisen.