Es fehlt der Arzt, der im Notfall koordiniert

Der Tod des Rundfunk- und Fernsehreporters Helmut Günther hat einen Hamburger Arzt zu Gedanken veranlaßt, wie den Fehlern in der nächtlichen Notfallversorgung der Großstädte abzuhelfen wäre. Er meint: Mit einer Beseitigung des Ärztemangels und besserer Bezahlung, wie sie in der Presse erörtert wurden, sei es allein nicht getan. "Wir brauchen einen neuen,Facharzt für Koordination‘."

Der "Fall Günther" ist in der Öffentlichkeit deshalb so leidenschaftlich besprochen worden, weil man Organisationsfehler in der nächtlichen Notfallversorgung aufgedeckt hat. Der Verlauf der Sache ist bekannt:

Helmut Günther, 38 Jahre alt, stürzt aus dem zweiten Stockwerk über ein Treppengeländer. Ein Notarzt hält eine Krankenhausversorgung für dringlich und läßt ihn auf schnellstem Wege in ein Krankenhaus schaffen. Die Krankenhaus-Transporter tun ihr möglichstes. In gewagter Fahrt geht es über rotes Sperrlicht mit Blaulicht und Sirene. Aber diese Eile stellt sich als überflüssig heraus. In der Aufnahmeabteilung des Krankenhauses bleibt der Schwerverletzte fünfzig Minuten liegen, ohne daß ein Arzt sich um ihn kümmert. Die Nachtdienstärzte sind alle mit der Operation eines vorher Eingelieferten beschäftigt. Erst angstvoll, dann entrüstet, warten die Angehörigen. Dann kommt der erschöpfte Arzt. Über Knochenbrüche kann er sich nicht orientieren, die Röntgenabteilung ist nachts geschlossen. So begnügt sich der Arzt damit, die acht Zentimeter lange Platzwunde am Kopf kunstgerecht zu nähen und wundärztlich zu versorgen. Der Patient stirbt... Daß er betrunken war, wußten Arzt und Schwestern; man nahm sogar eine Blutprobe, Resultat: 2,8 Promille.

Inzwischen hat eine integre Ärztekommission glaubhaft bescheinigt, daß bei diesen schweren Verletzungen jede ärztliche Hilfe zu spät gekommen wäre. Auch durch eine sofortige Behandlung, eine eventuelle Operation nach Röntgendiagnostik, wäre Helmut Günther nicht mehr zu retten gewesen. Damit wäre der Fall erledigt. Aber die Öffentlichkeit stellt die Frage, was geschehen wäre, wenn die Obduktion ergeben hätte, Helmut Günther wäre durch eine Sofortoperation zu retten gewesen?

Und weiter: Wie kann ein solches Versagen in Zukunft vermieden werden?

Da die großen Fortschritte der Wissenschaft und Forschung es dem fähigen Chirurgen ermöglichen, Wunder zur Erhaltung des Lebens zu vollbringen, erwartet man diese Perfektion und Spitzenleistung zu jeder Zeit und für jedermann. Wir verlangen also, daß auch nachts ein Ärzte-Team ausgebildeter Spezialisten zur Verfügung stehe. Aber die am Tage "auf Hochtouren" arbeitenden Chef- und Oberärzte brauchen ihre Nachtruhe. Indessen bleibt die Forderung nach einem ausreichenden spezialärztlichen Nachtdienst mit Chirurgen, Internisten und Röntgenfachärzten.