Anton Zischka: Die Ruhr im Wandel; Scharioth’sche Buchhandlung, Essen 1966, 132 Seiten, DM 5,–.

Kernige Worte waren in Deutschland von jeher beliebt. Nach 1945 wurden die rhetorischen Kraftmeier kleinlauter. Und heute? Es darf wieder gepoltert werden! "Wir sind Liberalisierungsfanatiker bis zum Verrecken...", so daß "jeder öldreck der ganzen Welt an unserer Küste abgeladen werden" kann. Solche markigen Worte aus dem Munde des Aufsichtsratsvorsitzenden einer bekannten deutschen Kohlengesellschaft, promovierter Akademiker, lassen aufhorchen.

Publikationen aus dem Essener Glückauf-Haus vermeiden zwar auf offizieller Verbandsebene jenen naßforschen Ton, der uns Deutschen und der Welt so übel in den Ohren klingt, aber solche zweifelhaften Broschüren, wie "Argumente und Schlagworte der Energiediskussion", bieten nicht nur auf 40 Seiten massive Interessenlogik, sie scheinen auch "national" gesinnte Autoren bei ihrem Schaffen anzuregen. Anton Zischka ließ es aber nicht bei den Argumenten des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau bewenden, sondern bemühte sich, "ganz neue Aspekte" zu eröffnen.

So wird nach Zischka an der Ruhr-Front wieder einmal eine Entscheidungsschlacht unserer Nation geschlagen: "Ob hier ein Ruinenfeld im Entstehen ist, oder ob die Ruhr ein Kraftzentrum bleibt, das uns morgen ebenso wieder rettet wie schon nach 1918 und nach 1945, davon hängt unser aller" Zukunft ab."

Damit klingt auf den ersten Seiten das Leitmotiv ein, das die gesamte Zischka-Sage auf ihren 132 Seiten durchzieht. Zischka ignoriert, daß die Kohle sich wegen der gewandelten Nachfrage nicht mehr im bisherigen Umfange halten kann. Die Bemühungen der Wirtschaftspolitik, für das betroffene Gebiet durch Ansiedlung moderner Industrien eine neue Existenzgrundlage zu schaffen, wertet er schlicht als destruktiv. Sie wolle durch "Umstrukturierung in amerikanischem Tempo" ein Ruinenfeld schaffen.

Zischkas Streitschrift trieft von nationalistischen Thesen, gibt sich auslandsfeindlich im allgemeinen, antiamerikanisch im besonderen. Der Liberalismus als wirtschaftspolitiches Prinzip erscheint dem Autor als Wegbereiter von Chaos und Untergang. Erstrebenswert empfindet er die nationale Unabhängigkeit via Autarkie. Die Importrestriktion ist demgemäß das geeignete Rezept zum Schutze der heimischen Produktion, Kosten spielen keine Rolle. Wenn die Kohle heute Absatzschwierigkeiten hat, so liegt das am "Verdrängungswettbewerb des Öls". Von einer Verschiebung der Nachfragestruktur hat Zischka offenbar nie etwas gehört.

Versailles, die Ruhrgebietsbesetzung von 1923, die Konferenz von Teheran (1943), der Morgenthau-Plan, die Zerschlagung des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats und die Montan-Konzernentflechtung nach 1945 erscheinen als geschlossene Kausalkette: "Ob das alles wirklich ‚längst vergessene Geschichte‘ ist und in keinerlei Zusammenhang mit der Verdrängungspolitik gegen die Kohle und mit der ,Umstrukturierung‘ der Ruhr steht? ... Immer wieder... wurde eine Schwächung des Ruhrgebietes, die ganz Deutschland kraftlos machen mußte, geplant. ... Sind wir nun dabei, selber den Morgenthau-Plan zu verwirklichen?" Wo von Versailles die Rede ist, da darf natürlich ein moderner Ableger der Dolchstoß-Legende nicht fehlen; "denn schon die Römer wußten: Wenn du Germanen vernichten willst, gebrauche Germanen dazu." (Heute, wurde man vielleicht hinzufügen: "liberale" Germanen.)