NICHT FÜR Leute, die sich über die Buchmesse informieren wollen –

Vittorio Sereni: "Kleines schwarzes Mess(e)-Buch", aus dem Italienischen von Gerda Niedick; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 77 Seiten, 5,– DM.

ES ENTHÄLT NICHT die geringsten sachlichen Angaben über die Buchmesse; es enthält nicht einmal eine Schilderung des Betriebs, der Teilnehmer oder auch nur der Stimmung der Buchmesse und könnte ebensogut in einem Hotel spielen. Wo es auch spielt. Es ist eine keinen ersichtlichen Zweck erfüllende Kreuzung aus Neuer Welle und innerem Monolog, lyrischen Impressionen und symbolischem Realismus, in der Schattenfiguren ohne einen Funken von Leben herumhuschen, um ein Buch kreisend, ein Verlagswerk, das es gar nicht gibt, denn es ist nur als Verhandlungsobjekt vorhanden, als Vorkaufsrecht, um das in falschem Gesellschaftston, mit einem schwachen Schuß Erotik aus der Kühltruhe, intrigiert wird.

ES MISSFÄLLT, weil es irreführt wie eine falsche Zollerklärung. Es erinnert an die Geschichte von dem Tempeldiener in Galizien, der ein Schofar, ein rituelles Blasinstrument, dessen Einfuhr verboten war, über die Grenze bringen wollte und auf die Erkundigung des Zollbeamten, was das sei, mit taubem Ausdruck das Widderhorn ans Ohr setzte und fragte: "Wiebitte?" Wäre dem Buch der italienische Titel "Die Option" gelassen worden, man hätte vielleicht gerade der kommerziellen Nüchternheit wegen einen Ableger des Neuen Romans erwartet, aber der dürftige Scherz "Schwarzes Mess(e)-Buch" klingt verdächtig nach sensationeller Reportage. Und dieser Fliegenpunkt, 10 x 13 cm, kostet fünf Mark mit seinen paar Dutzend Seiten. Er hat in Umfang und Format – sonst nicht! – groß; Ähnlichkeit mit dem "Schwarzen Brett", das der wackere kleine Verlag Klaus Wagenbach an seine Kunden gratis verteilt. Der Autor, den sich der große deutsche Verlag S. Fischer da verschrieben hat, ist Direktor eines großen italienischen Verlags; er ist, laut Klappe, auch ein namhafter Lyriker und Übersetzer, und das Mess(e)-Buch ist als literarisches Wer deklariert. Wie bitte? Ernst Stein