Der Maler im Kurpark von Bad Oeynhausen wollte den Herbst übertreffen. Im Park verglühten die Farben. Der Ahorn brannte aus im sanften, gelben Feuer der Novembersonne. Von den Pappeln regnete es Blätter wie Golddukaten. Der Herbst gab auf. Er hatte noch einmal das große Licht angemacht für den Maler, der mit ihm um die Wette malen wollte, der das Gold goldener malte, leuchtend das dunkle Rot der allerletzten Rosen, blendend weiß die Säulen der Trinkhalle und die Bänke. Der Maler im Park malte für seine Gesundheit.

In Bad Oeynhausen (und auch in einigen anderen Bädern) gehören Malen und Photographieren, Angeln und Basteln, Radfahren, und Skatspielen zur Kur wie Kurkonzert und Promenade: Leise Therapien als Kurmittel der Seele. Denn schließlich geht man in das Bad zwischen Weser und Werra, wenn das Herz streikt, wenn die Nerven versagen, auch bei Krankheiten der Knochen und Gelenke, bei Frauenleiden und Allergien. Man macht Kur in Bad Oeynhausen. Man erquickt sich im Kohlensäure-Thermalbewegungsbad, im Stromsprudelbad oder Überwärmungsbad. Man nimmt Massagen der Glieder und Bindegewebe und stählt sich mit gymnastischen Übungen. Man erholt sich in Packungen von Fango, Parapack und heißem Sand. Man trinkt Brunnen, wandelt, ruht. Man macht Kur. Aber man muß ja nicht.

Wer ermißt die subtilen Wonnen des Müßiggangs im Peristyl geschäftiger Bäderkur: Zaungast sein des rastlosen Ruhens, ein paar Tage im Spätherbst, wenn in den Wäldern die Farben verlöschen, wenn das Rostrot der Buchen vergeht und die Nebel über die Wiesen kriechen.

Die Feste des Sommers sind vorüber, die Feuerwerkskünste und großen Parkbeleuchtungen (55 000 Kerzen), die Tanzturniere und Glühwürmchenbälle. Müdigkeit, so scheint’s, breitet sich über die vornehmen wilhelminischen Fassaden, und die kleine Stadt mit ihrem bewegten Schicksal hat etwas von der Zutraulichkeit der Eichhörnchen ("Hansi") in den herbstlich melancholischen Parks.

Die Wege führen in sanften Biegungen weit ins Land hinaus, zum steinigen Ufer der Werra, ins Siekertal mit Bächlein und Birken, Haselnußstauden und Schneebeerenhecken. Hunde bellen. Bisweilen faucht ein Düsenflugzeug über den Himmel. Danach ist die Stille größer. Es riecht nach nassen Blättern, Holzfeuer und Apfelmost, und das ist so anregend, daß dem Müßiggänger und heimlichen Dichter gewiß Verse von Ende und Abschied einfallen.

Bad Oeynhausen so spät im Jahr – das ist ein liebes kleines Städtchen zum Malen und Dichten und Nachdenken, ehe die Regenvorhänge niedersinken. Man kann ein bißchen an der Kur nippen, promenieren und das heilkräftige Wasser der Wittekindquelle kosten (Zehnerkarte zwei Mark), im wohlig warmen Hallenbad in der Thermalsole schwimmen (28 Grad) und mittwochs, samstags und sonntags um 16 Uhr in der Morsbachallee auf den Jordansprudel lauern (Stolz und Stütze des Bads, sein Wahrzeichen und die "größte kohlensäurereiche Thermalsolequelle der Erde"). Und man kann im Kurhaus wandeln, lesen, lange Briefe schreiben oder im Spielzimmer im Sinne der leisen Therapie einen Skat spielen.

Man kann aber auch große Wanderungen ins Wittekindländchen machen und Ausflüge zur Porta Westfalica und zum Steinhuder Meer, zum Hermannsdenkmal und zu den Externsteinen. Die Saison endet am 23. Dezember. Und so lange gibt es Kurkonzerte und Tanzvergnügen, Gastspiele und gutes Bier. Zwischen Weihnachten und Neujahr wird der Jordansprudel geputzt, und am 4. Januar beginnt schon wieder die neue Saison.