Philosophen suchen eine Sprache – Seite 1

Die Philosophie der Gegenwart ist – zumindest in der westlichen Welt – zu einem guten Teil Sprachphilosophie. Die "Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland" konnte sich daher einen Überblick über nahezu die gesamte zeitgenössische Philosophie versprechen, als sie in der vergangenen Woche in Heidelberg das Problem der Sprache zum Thema ihres achten Kongresses machte. Ziemlich spät vielleicht, wenn man bedenkt, daß die "Konjunktur des Sprachproblems", auf die Odo Marquard aus Gießen aufmerksam machte, schon einige Jahrzehnte andauert; doch ein paar Jahre früher hätte eine solche Tagung zweifellos unter der fragwürdigen Ägide existenzphilosophischer Interpretationskünste gestanden. Sprache wäre, mit Heidegger, als "Haus des Seins" gefeiert, kaum als Problem analysiert worden. Mit dem Abflauen des existentialistischen Booms hat eine kühlere Haltung Platz gegriffen, die auch in Heidelberg deutlich spürbar war. Man orientiert sich jetzt eher an Wittgensteins These, wonach die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten. Wo diese Grenzen allerdings zu ziehen sind, darüber gehen die Meinungen wieder weit auseinander.

Auf dieser Tagung wurde einmal etwas vorwurfsvoll die Frage gestellt, wieso man in beinahe allen Kolloquien und Sektionen angelsächsische Autoren zitiert bekomme. Bemerkenswert war in der Tat, was man etwas pathetisch den Einbruch der englisch-amerikanischen, analytischen oder "positivistischen" Philosophie ins Bewußtsein deutscher Philosophen nennen könnte. Schon im Eröffnungsvortrag des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Hans-Georg Gadamer, war davon die Rede, wenn auch wie von etwas Beunruhigendem.

Es waren natürlich die Jungen und Jüngsten unter den deutschen Philosophen, die durch profunde Kenntnis der analytischen Philosophie, die ja primär Sprachkritik ist, und durch den sicheren Gebrauch ihrer präzisen Methoden die ältere Generation offensichtlich etwas ratlos machten. Denn urdeutsche Problemstellungen, wie etwa "Das Sein der Bedeutung", "Wissen und Sprechen" oder "Die Ethik der Logik" gewannen unter sprachkritischer Behandlung neue Aspekte. Allerdings wurden da auch manche Ehen zwischen heterogenen Partnern mit allzu leichter Hand vermittelt, nicht zuletzt unter dem Diktat des Tagungsthemas, dem alles passend gemacht werden sollte. Wir müssen hier ja immer von Sprache reden, auch wenn wir Aristoteles meinen, machte sich der Münchner Ordinarius Helmut Kuhn einmal darüber lustig.

Den beachtlichsten Versuch einer Vermittlung zwischen zwei Extremen unternahm der junge Heidelberger Philosoph Ernst Tugendhat. Er sorgte damit für einen Höhepunkt der Tagung. Vor sozusagen ausverkauftem Hause explizierte er mit außerordentlichem Scharfsinn seine These, derzufolge die sprachanalytische Kritik an der überkommenen Seinslehre für eben diese traditionelle Ontologie fruchtbar gemacht werden könne. Das sei möglich geworden, nachdem die analytische Philosophie ihre frühere pauschale Metaphysikfeindlichkeit aufgegeben und selbst einen Begriff des Seins entwickelt habe, der allerdings mit dem herkömmlichen wenig gemein habe. Eine echte, sprachanalytische Lehre vom Sein wäre eine solche, für die das Universum nicht mehr eine Welt von Gegenständen ("Entitäten"), sondern eine Welt von Sätzen, von Sinneinheiten ist. Und eine solche Seinslehre, so schloß der Philosoph, wäre "gegenüber der traditionellen nicht mehr enger, sondern würde sie ihrerseits umgreifen, wie ja auch alles ‚Seiende‘ von ‚Sinn‘ umgriffen ist".

Damit hätte Tugendhat so etwas wie eine Durchdringung von Feuer und Wasser erzielt, wenn man einmal zwei Denker wie Heidegger und Wittgenstein, von denen da die Rede war, in Analogie zu diesem Bild setzen darf. Karl Löwith verwarf eine solche Möglichkeit der Vermittlung von Heidegger und Wittgenstein grundsätzlich. Aber die große Frage ist, ob da Heidegger durch Wittgenstein transformiert, die Existentialontologie in der analytischen Philosophie "aufgehoben" werden soll oder umgekehrt.

Tugendhat selbst wollte keine Synthese, sondern lediglich Momente von beiden Philosophien aufnehmen. Das ist für den esoterischen Kreis der Philosophen eine äußerst erregende Frage, vielleicht aber auch für ein größeres Publikum, denn unter dem Dualismus zweier unversöhnlicher geistesgeschichtlicher Richtungen leidet die zeitgenössische Philosophie. (Es gibt inzwischen bereits Berührungspunkte zwischen analytischer und materialistischer Philosophie, wie Erhardt Albrecht, heftig applaudierter Beobachter aus Greifswald, bemerkte. Wenigstens nach Ansicht der Marxisten.)

Wenn man sich einmal klarmacht, in welcher Hilflosigkeit uns die großartigen Systeme der überlieferten philosophischen Lehre von den Werten und von den Normen unseres Handelns lassen, dann muß jeder Versuch, der eine Erneuerung und Konkretisierung der Ethik anstrebt, mehr als bloß fachliches Interesse finden. Deshalb war der Vortrag von Helmut Fahrenbach innerhalb eines Kolloquiums über die "Sprache im politischen Leben" auch besonders stark besucht. Fahrenbach machte das neugierige Auditorium nämlich mit der "Revolution in der ethischen Theorie" bekannt, der sogenannten Metaethik, wie sie in England von analytischen Philosophen entwickelt worden ist.

Philosophen suchen eine Sprache – Seite 2

Die traditionelle, normative, also wertsetzende Ethik macht sich anheischig zu erklären, welche Handlung "gut" oder "verbindlich" ist. In radikalem Unterschied dazu macht die analytische oder Metaethik keinerlei Aussagen über "gut" und "böse". Sie stellt keine Normen auf, sie beschreibt nicht einmal das faktische ethische Verhalten. Sie untersucht lediglich, was mit einem Wort wie "gut" gemeint sein kann und von welcher Art Sätze sind, in denen solche Worte vorkommen. Kurz, die Metaethik prüft ethische Urteile.

Dadurch wird es möglich, ethische Fragen weitaus präziser zu formulieren, herkömmliche Probleme neu anzupacken und vor allem – wovon seltsamerweise auf dieser Sitzung nicht die Rede war – als Tatsachenfeststellungen verkappte Wertaussagen,-die nicht nur in der Philosophie von großem Übel sind, zu entlarven.

Wenn es um die Sprache der Politik geht, dann lockert sich auch die anstrengende philosophische Terminologie auf. Hermann Lübbe aus Bochum zeigte, daß in der Politik der Streit um Worte, den man nach Aristoteles vermeiden soll, unvermeidlich, ja geradezu notwendig sei. An einer Fülle drastischer und plastischer Beispiele, an denen ja auf diesem Feld kein Mangel ist, versuchte er den Streit um Worte als ein Mittel kenntlich zu machen, durch welches politische Begriffe "Aktionscharakter" erhalten und für viele Zwecke verfügbar werden. Dabei wird gerade durch Ungenauigkeit, Verschleierung und Unverständlichkeit (Beispiel: Zahnpasta mit "Wirkstoff 18") die beabsichtigte Wirkung erzielt.

Hier war nur von der Funktion der politischen Sprache die Rede, durch die sie für Reklame- und Propagandazwecke sich als nützlich erweist. Über diese Struktur der politischen Sprache hat uns die Soziologie, die Psychologie, vor allem aber die Presse- und Rundfunkkritik aufgeklärt. Wie aber hätten Politiker unter sich über jene politische Sprache zu diskutieren, durch die politische Entscheidungen herbeigeführt werden sollen? Wie, mit anderen Worten; hätten Politiker Sprachkritik zu treiben?

Der eigene philosophische Jargon, den Gadamer zu Anfang des Kongresses schon ins Gedächtnis gerufen hatte, wurde nicht explizit Thema der Diskussion. Und manches Mal schien sich zu bestätigen, was ein Gast aus England, Michael Polanyi, Naturwissenschaftler, Soziologe und Philosoph, in seinem geistreichen Vortrag verfocht: daß nämlich der ausdrücklich auf die Sprache selbst gerichtete Blick die Sprache undurchsichtig mache, zu einem Objekt, hinter dem sich die Bedeutung dann verberge.

Viele Philosophen sehen ein großes Ziel der Philosophie in der Begründung einer allgemeinen Wissenschaftssprache, einer schon von Leibniz konzipierten lingua universalis, über deren Entwicklungsstufen Hans-Werner Arndt (Göttingen) informierte.

Davon allerdings sind die Philosophen, wenigstens die deutschen, noch weit entfernt. Auf den verschiedenen Kolloquien und Sektionen redeten die deutschen Philosophen denn auch in zahlreichen Zungen, mal existenzphilosophisch, mal phänomenologisch, mal logizistisch oder auch dialektisch. Für den Beobachter, der die Sektionen "durchkreuzt", sind es jedesmal andere Welten, andere Sprachwelten. Manchmal wünschte er sich dann doch eine Reduktion der Sprache auf eine bloß äußerliche Mitteilungsfunktion, wie sie Johannes Lohmann in seiner Untersuchung des geschichtlichen Aspektes des Sprachproblems freilich zu recht kritisierte. Und sind nicht überdies – mit dem Präsidenten der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie, Gadamer, zu sprechen – sind nicht Vielheit und Vielfalt Momente der condition humaine?

Sie sind es, aber in der Wissenschaft, in der es um Erkenntnis, nicht um Ästhetik geht, verwirren Buntheit und Farbenpracht. Hier, wo Kommunikation wichtigste Voraussetzung zur Entdeckung einer intersubjektiven Wahrheit ist, wäre eine lingua universalis eine wahre Wohltat.