Gottfried Salomon-Delatour: Moderne Staatslehren. Herausgegeben von Wilhelm Hennis und Hans Maier. Luchterhand Verlag, Neuwied. 752 Seiten. 48,– DM

Mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd" soll sich – nach Lessing – der "Kunstrichter" gegenüber dem Meister verhalten. Das vorliegende Werk des 1964 verstorbenen Frankfurter Soziologen und Politikwissenschaftlers, eine wahre Summe jahrzehntelanger Forschungen und Überlegungen, mehr noch: die Frucht einer trotz aller Schicksalsschläge sich bewährenden Lebenskultur und Lebensweisheit, entzieht sich in seiner überquellenden barocken Fülle an Details, Reminiszenzen und Querverbindungen sowie in seiner sinfonischen Weite jeder gewöhnlichen Rezension.

"Wenn man die Wahl hat zwischen Erudition und Literatur, so erscheint mir der Essayismus als ein Ausweg", schreibt der Autor im Vorwort. Zweifellos war für sein "provokantes Denken" das in der Staatswissenschaft vernachlässigte Genre des Essays die geeignetste Form, das ganze theatrum mundi der politischen Doktrinen zu inszenieren. Er selbst geht von diesem Bild aus: "Der moderne Staat erscheint als eine Arena mit Gladiatorengruppen oder als ein Theater, in welchem die Helden und ein Chor auftreten..." Bewußt hält sich Salomon-Delatour nicht nur an die Plejade Hobbes–Locke–Rousseau–Kant; immer wieder schweift er in entlegenere Gefilde ab, entlarvt durch manchmal auch anekdotische Hinweise auf weniger bekannte Figuren und Traditionen den fiktiven Charakter aller "monolithischen" Geschichtsdeutungen.

Faszinierend die Exkurse über Mediziner und Juristen, Freimaurer und Illuminaten, über die Rolle der Erotik in der Politik, über Kleinstaat, Schulwesen und die sozialdemokratischen Parteitage, die den im besten Sinne alexandrinischen Weltkenner, eine bedeutende Enzyklopädistennatur verraten.

Fußnoten und Anmerkungen fehlen dagegen vollständig, werden als autoritäten-abergläubische Scholastik abgewertet: "Man sollte dem Autor vertrauen, auch ohne die Protektion der Kollegen."

Man kann die "Modernen Staatslehren" auf verschiedene Weise lesen: als geistesgeschichtliches Kompendium, als Sammlung von Porträts – wir verweisen nur auf die bestechenden biographischen Miniaturen von Machiavelli, Hobbes, Rousseau, Benjamin Constant – und als Enzyklopädie der Staaten Europas, ihrer Legitimationen, Ideologien und Utopien.

Leider war es dem Gelehrten nicht mehr vergönnt, an sein opus magnum letzte Hand anzulegen: manche Passagen wirken daher etwas skizzenhaft und ungeschliffen und lesen sich wie die nicht ganz kongeniale Übersetzung eines französischen Moralisten. Ein Satz wie der auf Seite 458, zweiter Abschnitt, ist mir schlechthin unverständlich und einige unkorrigierte Flüchtigkeitsfehler – wie "Areopagita" (statt: "Areopagitica"), "Febronismus (statt: "Febronianismus)" und das mit 1775 statt: 1765) angegebene Geburtsjahr von Baaders – sind ärgerlich.