Runges theoretische Schriften, speziell die "Farbenlehre", gelten als der wichtigste Beitrag zur romantischen Ästhetik, seine "Gespräche über Analogie der Farben und Töne" nehmen Ideen voraus, die sich im zwanzigsten Jahrhundert als künstlerisch praktikabel erwiesen haben. Er wird viel zitiert, wobei die Autoren sich gelegentlich damit begnügen, sich die Zitate weiterzureichen, denn die Schriften sind schwer zulänglich. Die "Hinterlassenen Schriften" sind 1840/1841 erschienen und nicht wieder aufgelegt worden. Ranges ältester Bruder Daniel hat sie ediert der im Leben des jüngeren Bruders eine ähnliche Rolle spielte, wie Theo van Gogh für Vincent. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig, dreißig Jahre nach dem Tod des Malers war das Interesse an seinen Bildern und seinen Theorien Minimal. Daniel Runge hat die Herausgabe mehr unter familiären als wissenschaftlichen Gesichtspunkten besorgt. Die Kritik hat ihm beim Vergleich mit den Originalmanuskripten Abweichungen und Eigenmächtigkeiten nachgewiesen, er hat die Texte offenbar überarbeitet im Sinne einer glatteren und gefälligeren Diktion.

Die erste vollständige Neuauflage ist jetzt als Faksimiledruck in der Reihe "Texte des 19. Jahrhunderts", herausgegeben von Walther Killy, erschienen (Verlag Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen; 2 Bände, 435 und 554 S., 8 Abb., 1 Musikbeilage; 34,– DM).

Gewiß, nur ein Bruchteil dieser tausend Seiten ist kunsttheoretisch ergiebig, und die Auswahl der Briefe beschränkt sich nicht auf die Korrespondenz mit berühmten Zeitgenossen, mit Tieck, Goethe, Arnim, Brentano, wo grundsätzliche Fragen zur Sprache kommen. Den Hauptteil des zweiten Bandes füllen Familienbriefe an Eltern, Brüder und Nichten, vor allem an die Braut Pauline. Man findet in diesen Briefen Gelegenheitsgedichte, romantische Eskapaden und Bagatellen, und man liest, wenn man sich für Runge interessiert, auch das Belanglose, den Lebenskram, mit dem größten Vergnügen, auch die von Daniel verfaßten "Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Malers Philipp Otto Runge". Sie bringen, Pauline betreffend, die eine fünfzehnjährige Elfe war, als Runge sie traf, und sich unter den Augen des Malers in ein Hausmütterchen, in eine Biedermeierfigur verwandelte, einiges Licht in dieses Kapitel seiner Biographie. Das kunsthistorisch wichtigste Dokument ist der umfangreiche Katalog der "Entwürfe zu Bildern", der chronologisch die Zeichnungen aus den Jahren 1797 bis 1810 beschreibt. Gottfried Sello