Von Ben Witter

Er ist neunzehn Jahre alt und will Büchsenmacher werden. Ostern macht er seine Gesellenprüfung. Fast jeden Tag kommt er in Waldemar S.’s Laden; er hat eine Rockerfrisur, seine blonden Haare fallen weich. Er trägt immer Schwarz; dabei sticht das Schwarz des Rollkragenpullovers vom blanken Schwarz seines Sakkos und der Hose ab. Die schwarzen Schuhe sind spitz. Wie manche anderen Kunden nennt er Waldemar S. einfach "Wally".

Wally hat auch eine Vorliebe für Rollkragenpullover, aber er kämmt seine Haare in die Stirn. Er ist Ende fünfzig. Sein Laden liegt in einer Gegend, wo sieben Straßen nach preußischen Generalen benannt wurden. Eigentlich ist es kein Trödlerladen, doch es stört Wally nicht, wenn man sein Geschäft dafür hält. Neben alten Puppen und Grammophonen führt er alten Schmuck und Uhren und was sonst noch alt ist und gerade geht. Unter seinen Kunden befinden sich Leute vom Film, von der norddeutschen Justiz, Werbefachleute und Leute, die sich nie vorstellen; zu ihnen gehörte der Büchsenmacherlehrling.

Der hielt Wally S. eine "08" unter die Nase und sagte: "Mit Tasche 450 Mark." Wally wußte genau, daß der Preis für diese Pistole bezahlt wird; er hätte sie allerdings nicht einmal für die Hälfte genommen. "Sie betrügen sich selbst um 200 Mark Reingewinn, wenn Sie nicht sofort zugreifen", warb der Büchsenmacherlehrling, "650, und kein hiesiger Sammler wagt zu zögern. Schließlich bin ich Liebhaber und Fachmann. In Amerika kriegt man 1500 Dollar bei Sammlern, andere Kenner geben sogar zweitausend."

Wally S. war der Büchsenmacherlehrling zu aufgeregt, und außerdem hatte er gar keine 450 Mark. Der Lehrling wurde noch aufgeregter, als er eine SS-Mütze aus seiner schwarzen Aktentasche nahm. "Ist die für 75 Mark etwa zu teuer?" Er gab sie für sechzig her.

Knapp eine Stunde später betrat ein Mann im Ledermantel den Laden, sah die Mütze und gab 80 Mark dafür. Er war sogar bereit, für einen abgewetzten Ledermantel, wie er ihn trug, 250 Mark auf den Tisch zu legen. Wally S. sagte: "Diese Ledermäntel wurden im Krieg von Offizieren getragen." Sein Kunde ergänzte offenbar fachkundig: "Offiziersledermäntel sind billiger; mein Mantel hat einem Gestapobeamten gehört. Er ist auch nicht grau, sondern grün."

Wally S. rief den Mann zurück und zeigte ihm einen Polizeidolch aus dem Polenfeldzug. "Den besitze ich bereits", sagte der Mann, nachdem er die Gravur "SD" am Griff entdeckt hatte. "Aber warum verkaufen Sie ihn nicht marktgerecht? Zweihundert Mark ist der Preis und nicht hundert."