Eine Untersuchung von Konflikten unter Oberschülern. Mehr Verständnis tut not

Von Ruth Herrmann

Zum erstenmal seit achtunddreißig Jahren haben sich ein Pädagoge und ein Facharzt wieder daran gemacht, wissenschaftlich zu untersuchen, wie es mit der Sexualität in unseren Schulen bestellt sei. Ein weites Feld; um es einigermaßen übersehen zu können, beschränkten sich die Erforscher dieser Jugend-Wildnis auf die höheren Schulen, die Gymnasien.

Das hatten im Jahre 1928 in Berlin auch Hoffmann und Stern getan. Ihr Buch – inzwischen vergriffen und vergessen – soll jetzt wieder aufgelegt werden. Es heißt: "Sittlichkeitsvergehen an Höheren Schulen und ihre disziplinarische Behandlung." Es enthält zwei Gutachten des damaligen Preußischen Kultusministers C. H. Becker über das Material, das er selber eingefordert hatte: Alle preußischen Schulen waren von dem Minister angewiesen worden, ihre einschlägigen Akten dem Ministerium zu schicken.

Solch aktiver Förderung konnten sich der Verfasser der Schrift, die über dieses Thema in den nächsten Wochen erscheinen wird (wie die alte Untersuchung bei Quelle und Meyer, damals in Leipzig, jetzt in Heidelberg), und sein Mitarbeiter nicht erfreuen. Der Titel des Heftes läßt Fortschritt vermuten. Die Untersuchung heißt jetzt, im Jahre 1966: "Sexuelle Konflikte an Gymnasien". Autor ist der Hamburger Oberschulrat Otto Brüggemann; medizinisch beriet ihn Prof. Dr. Dr. Hans Giese, Direktor des Sexualpsychologischen Instituts der Universität Hamburg.

Aber die Einstellung ...

Der moderneren Formulierung des Themas entsprach indessen keineswegs eine modernere Einstellung der staatlichen Stellen, mit denen sich Autor und Mitarbeiter verständigen mußten, bevor sie sich dem Gegenstand ihrer Untersuchung nähern konnten. Obwohl über das wichtige pädagogische Gebiet in Deutschland so lange nicht gearbeitet worden war, fand man das Thema nicht sonderlich wichtig – dieses Thema, das im Lehrplan der Schulen einen sehr kleinen, in den Gedanken von Schülern aber einen sehr großen Raum einnimmt.