In der Stalin-Ära war die Selbständigkeit sträflich. In dieser Zeit erschien in einem Dorf des asiatischen Gebietes von Bratsk (nordöstlich vom Baikalsee) eine Art Revisor und machte dem Vorsitzenden Vorwürfe: "Du denkst selbständig." Der Vorsitzende war sich wohl der gefährlichen Situation bewußt, zugleich aber seiner Sache sicher. Mutig konterte er: "Wir haben doch Revolution gemacht, um selbständig denken zu können."

Der Vorsitzende hatte sich erlaubt, Schweine, die zu verhungern drohten, unter die Bewohner zu verteilen; er hatte damit zwar dem Staat etwas weggenommen, aber er hatte die Tiere gerettet.

Er hatte auch, auf Vorschlag einer jungen Lehrerin hin, einige Propagandaparolen im Ort verschwinden lassen oder durch alte russische Sprichwörter ersetzt. Wo die Leute nichts, zu fressen haben, meinte die Lehrerin, da sei die Parole unsinnig: "Das Leben ist besser und fröhlicher geworden." Hing über der Schule die nicht gerade sehr beziehungsreiche Losung "Heil den sowjetischen Pionieren!" – so wurde sie nun ausgetauscht gegen den verständlichen und nützlichen Spruch: "Wer nicht lernt, muß sich später plagen." Über dem Verwaltungsgebäude der Kollektivwirtschaft erschien sogar, provozierend: "Nicht der ist ein Freund, der Honig um den Bart schmiert, sondern der, der die Wahrheit sagt."

Der Vorsitzende beugte sich den sinnentleerten, schabionisierten Forderungen des Staates nicht – aber die Spannung hielt er nicht aus, er verfiel dem Suff und beging Selbstmord.

Das alles lesen wir in einem Drehbuch, das Jewgenij Jewtuschenko, der Lyriker, nach Motiven eines eigenen, unlängst veröffentlichten langen Gedichts geschrieben und das die in Moskau erscheinende Monatsschrift Iskusstwo kino (Filmkunst) jetzt veröffentlicht hat.

Drehbuch, das bedeutet hier freilich nicht die traditionelle, auch bei uns weitgehend aufgegebene Notationsform mit der Zweiteilung: links Beschreibung des visuellen Teils, rechts Dialoge. Um die filmgerechte Form kümmert sich Jewtuschenko wenig, er schreibt fast einen Roman. Die Sprache ist einfach, kaum ein Ansatz zu Wortartistik.

"Das Töchterchen des Dorfes" ist der Titel. Die Hauptperson Njuschka oder Njuschenka ist Waise – der Vater fiel im Kriege, die Mutter starb bei der Geburt des Kindes. Das ganze Dorf nimmt sich Njuschkas an, vertritt die Eltern. Nachher, als Njuschka selber ein Kind bekommt, ein uneheliches, von einem Hallodri, da wird sie von der Gesellschaft nicht ausgestoßen, nicht einmal getadelt oder beargwöhnt. Die Gemeinschaft trägt, pflegt und hätschelt sie.

Das Buch ist eine Mischung aus mutiger Kritik und naiv formulierter Träumerei, aber die Vorzüge kompensieren die Schwächen entschieden. Nähme sich ein Regisseur gleicher Gesinnung der Hymne auf die Taiga an (im Gebiet von Bratsk liegt auch Jewtuschenkos Geburtsort Sima), dann zöge ein heilsames Tauwetterprodukt in die sowjetischen Kinos. R. D.