Thalia-Treffer – Seite 1

Unser Kritiker sah:

DIE TROERINNEN DES EURIPIDES

Bearbeitung von Jean-Paul Sartre Thalia-Theater in Hamburg

Mit seinen ersten zwei Inszenierungen der neuen Spielzeit hatte das Hamburger Thalia-Theater Treffer erzielt. Mit der dritten Premiere gelang ihm ein Volltreffer. "Was ihr wollt" von Shakespeare brachte den Durchbruch eines Regisseurs von außerordentlicher Begabung: Boy Gobert. "Der einsame Weg" von Arthur Schnitzler gipfelte unter der Regie des Sohnes Heinrich Schnitzlers in einer einsamen schauspielerischen Leistung Susanne von Almassys.

Mit einer durch keine Pause unterbrochenen Vorstellung von Sartres Euripides-Bearbeitung verließ das neue Thalia-Theater unter Kurt Raeck vollends die eingefahrenen Bahnen. Eine antike Tragödie, die von ihrem Aktualisator selber als "totaler Nihilismus" klassifiziert wird, hatte die Premierenbesucher so heftig gepackt, daß sie einen Moment schwankten, ob Applaus überhaupt statthaft sei. Dann befreiten sich die Zuschauer durch lange Ovationen für das bewundernswerte Ensemble.

Es war (nach Basel) die erste Inszenierung der Sartreschen "Troerinnen" auf einer deutschen Innenraum-Bühne (der viele noch folgen wollen). Der Unterschied zu der deutschsprachigen Premiere, die Anfang Juli in der riesigen, unbedachten Hersfelder Stiftsruine stattgefunden hatte, war so beträchtlich, daß man in Hamburg fast ein anderes Stück zu sehen meinte. Die Wendung von Ulrich Erfurths Hersfelder "Festspiel-Inszenierung, die weder Euripides noch Sartre gerecht geworden war, zu einer maßstabbildenden Darstellung dieses aktuellen Antikriegsstücks ist dem Regisseur Horst Balzer und der Besetzung einiger wichtiger Rollen zu danken.

In einer Ruinenszenerie, die in Jean-Pierre Ponelles meisterlicher Handschrift sowohl signifikant wie stückgerecht distanziert wirkte, wurde von Balzer das Spiel aus einem Ton entwickelt, den Sartre im Gegensatz zur Euripides-Pathetik als "halblaut" nahelegte.

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Das Geheimnis dieser stupenden Aufführung liegt in der Sprachregie. Indem sie immer wieder zum Leisen zurückfand, kamen die bewußt banal formulierten Vergegenwärtigungen und Aggressionen des Bearbeiters Sartre zur Geltung. Durch souveräne Kunst der Zäsur, der Sprachpause als Absprung zum Ausbruch, spielte der Regisseur aber auch die tragische Emphase bravourös aus. Seine Lösung des allezeit heiklen Chorproblems gehört zum besten, was man in dieser Hinsicht seit vielen Jahren auf deutschen Bühnen zu sehen und zu hören bekam. Balzer wahrte mit gemeinsam gesprochenen Chorliedern die aktteilende Funktion dieses dramaturgischen Instruments. Zwischendurch setzte er die Sprecherinnen sinngemäß solistisch ein und erzielte damit dramatischen Gewinn.

Solistisch sind beispielhaft drei Pluspunkte zu notieren: Solveig Thomas (Kassandra), Elfriede Kuzmany (Andromache). und Krista Keller, (Helena). In den Soloszenen der ersten beiden gipfelt die Aufführung menschlich. Die Thomas und die Kuzmany erst haben überwältigend gezeigt, was Sartre (unbeschadet seiner nihilistischen Gesamttendenz) dem antiken Tragiker Euripides an Leiderfahrung belassen hat.

Ihre mindestens gleichwertige Gesprächspartnerin müßte die Matrone Hekuba sein. Doch nicht nur anders, auch schwächer als Hilde Krahl in Hersfeld – das war eine Überraschung – spielte Elisabeth Flickenschildt die Hauptrolle der Königin an den Rand der Aufführung: statuarisch, manieriert, undeutlich, auch wo sie laut war. Johannes Jacobi