Von Dietrich Strothmann

Lauterbach, Ende Oktober

Das Gesicht ist wie eine Sonne zur Sommerszeit: groß, rund und hell. Es strahlt Wärme aus und Zuversicht. Es ist das Gesicht eines zuversichtlichen Mannes. Kein Schatten liegt darauf, kein Gram.

Es ist ein wohliges, unbekümmertes Gesicht: das silbrig-glänzende Haar mit der kessen Locke und dem kurzen Scheitel, die glatte Stirn, die weiche Mundwelle zwischen den runden Backenpolstern und die freundlich dreinblickenden Augen mit ihrem fast zärtlichen Blau. Da ist keine Falte, die Sorge oder Zorn eingegraben hätte, kein Flecken der Wut, keine Spur der Resignation. Es ist immer noch das Gesicht des alten Ludwig Erhard.

Auch seine Bewegungen verraten nichts von durchstandenen Stürmen oder schlaflosen Nächten. Leutselig hebt er die rechte Hand, wenn ihm applaudiert wird, dankbar grüßt er die älteren Damen, die von ihren Sitzen aufspringen und ein Ehrenspalier bilden. Sein Gang ist forsch, ausgreifend, wie bei einem Hindernisläufer in der ersten Runde. Dieser Kanzler, so scheint es, will Kanzler bleiben. Er ist sein eigenes, unangefochtenes Denkmal, das die Inschrift trägt: Hier stehe ich und kann nicht anders.

Der Mann, der den anderen wieder und wieder "Wohlstand für alle" verspricht, will für sich keinen Zuspruch, keinen Trost. Ludwig Erhard braucht auch heute keine "Sicherheit für Erhard". Er ist der leibhaftige Wohlstand, die Sicherheit in Person – allen zum Trotz. Oder trügt das Bild etwa?

Auf seiner sechsstündigen Wahlreise durch sechs nordhessische Marktflecken ist er, noch einmal, sein eigener Herr gewesen: der "Professor des Wirtschaftswunders", der Vater des Volkes, so gütig, freundlich und selbstgewiß. Ihm, so gibt er zu erkennen, kann keiner – kein Barzel und kein Strauß, erst recht kein Karl Schiller und kein Rudi Arndt, der hessische Wirtschaftsminister.