Rom, im November

Italien hat seine neue demokratische Einheitspartei der Sozialisten. Am vergangenen Sonntag konstituierte sie sich im römischen Sportpalast. Die Atmosphäre in dem kühnen Kuppelbau, zu den Olympischen Spielen 1960 errichtet, symbolisierte am ehesten den Charakter dieses Ereignisses: ein Gemisch aus Elementen einer amerikanischen party Convention und einer sozialistischen Massenkundgebung alten Stils. Sie repräsentierte ebenso die Tradition wie die pragmatische Aufgeschlossenheit für die moderne Zeit.

Im Schnittpunkt beider Linien steht die neue Partei, in der sich marxistische Sozialisten des Partito Socialista Italiano, demokratische Revisionisten des Partito Socialista Democratico Italiano und zahlreiche intellektuelle "Sozialisten ohne Parteibuch" zusammengeschlossen haben. Mit einem leichten Anflug von Wehmut wurde das Traditionelle gefeiert. Die vorherrschende Farbe war Rot: rot waren die Transparente, rot waren die vielen Fahnen, darunter verblichene und zerfetzte aus den ersten Kampfjahren um die Jahrhundertwende.

Manche der langhaarigen Fahnenträger hatten die unverkennbaren Züge der Revolutionäre von gestern. Aus ihren Augen leuchtete der Glaube an den messianischen Sozialismus. Ihre Arbeiterfäuste umklammerten fest den Fahnenschaft, aber schwenken konnten sie die Fahne kaum noch. Dazu fehlte den Siebzig- bis Achtzigjährigen die Kraft. Trotzdem bestimmten sie das Ritual. Mit ihnen zusammen sangen die distinguierten Herren, die verbürgerlichten Vertreter der modernen Industriearbeiterschaft, die "Genossen Minister" und die "Genossen Intellektuellen" das alte Kampflied von der roten Fahne, die triumphieren wird.

Einer der alten, der einstige Partisanenführer Sandro Pertini, hielt die Einführungsrede. Seine Worte ließen noch einmal die ebenso sympathische wie überholte sentimentale Romantik der sozialistischen Frühzeit auferstehen. "Sozialisten sind wir, und Sozialisten wollen wir bleiben" – unter dem Beifall der 15 000 sprach Pertini dieses Glaubensbekenntnis. "Niemals werden wir auf die fundamentalen Grundsätze des Sozialismus verzichten. Niemals werden wir zu einer kleinbürgerlichen Partei werden." Die Partei ist das A und O: "Besser mit der Partei unrecht haben, als außerhalb der Partei recht haben."

Die Rede schloß mit einer Gedenkminute für die gefallenen Sozialisten, für die Widerstandskämpfer gegen Kapitalismus und Faschismus, die ihren sozialistischen Glauben mit dem Leben bezahlen mußten.

Nicht lange konnten Pertinis Worte nachklingen. Der Sozialdemokrat Tanassi beendete abrupt die sentimentale Reise in die Vergangenheit: "Wir sind nicht mehr die Sozialisten von vor fünfzig Jahren", rief er aus. "Wir sind zu stark geworden, um uns in Agitation und Romantizismus zu verlieren. Wir sind zu mächtig, um uns von der Leitung des Staates fernzuhalten." Kühn, aber auch kühl wies er der neuen Partei den Weg von der Ohnmacht zur Macht. Auf diesem Weg, so bedeutete er seinen Zuhörern, ist jeder Dogmatismus und Traditionalismus nur ein Hindernis.