China hat sich vorige Woche endgültig den Rang einer Weltmacht erkämpft und Großbritannien und Frankreich überrundet: Was bisher nur Amerikanern und Russen gelungen war, vollbrachten nun auch Maos Techniker: Sie lenkten eine Atomrakete ins Ziel.

Allem Anschein nach erprobten die Chinesen eine Mittelstreckenrakete. Die USA brauchen sich also noch nicht bedroht zu fühlen, wenngleich ihre Stützpunkte in Südvietnam bereits in Reichweite chinesischer Ferngeschosse liegen.

Handgreiflich ist die Gefahr schon jetzt für die asiatischen und pazifischen Nachbarn Chinas und – für die sowjetischen Industriezentren in Sibirien. Ein Krieg zwischen den beiden kommunistischen Vormächten wird von der sowjetischen Presse neuerdings als Zukunftsmöglichkeit nicht mehr ausgeschlossen. Oberst Michel Garder, der französische Politstratege, kam soeben zu dem Schluß, daß der Streit zwischen Moskau und Peking zum Weltkonflikt Nr. 1 geworden sei. Der Raketenversuch überraschte sogar die Amerikaner. US-Verteidigungsminister McNamara hatte ihn erst für das nächste Frühjahr erwartet. Treibstoff, Elektronik und präzise Kursberechnung bereiten den Chinesen anscheinend keine Probleme mehr.

Da sich Peking über Umfang und Reichweite ihrer Rakete ausschweigt, meldeten sich sofort die Skeptiker zu Wort. Sie gaben zu bedenken, daß für den Test schon eine Flugbombe vom Typ V 1 genügt hätte. Andere tippten auf eine Luft-Boden-Rakete. Im Pentagon vermutete man, die Trägerwaffe sei eine Weiterentwicklung jener Raketen, die Rußland 1957 den Chinesen überließ: 18 Meter lang, 1,50 Meter breit, Reichweite 700 bis 1500 Kilometer.

Aber es ist nicht – wie der UN-Vertreter Taiwans anklagend meinte – nur die Schuld der Sowjets, wenn die Volksrepublik China so weit vorangekommen ist. Einer der verantwortlichen Männer der chinesischen Raketenforschung, der 57jährige Kernphysiker Dr. Tsien Hsuehschen, war einst Oberst der US-Luftwaffe und einer der maßgeblichen Planer der amerikanischen Raketenrüstung! 1945 studierte er an Ort und Stelle im Auftrage der USA das deutsche V-2-Programm. 1950 wurde er verhaftet, als er eine ganze Bibliothek voll technischer Bücher und Papiere nach Hongkong verfrachten wollte. Später ergab sich, daß kein geheimes Material dabei war, doch nun wurde Tsien als Kommunist verdächtigt und fünf Jahre lang an der Ausreise in seine Heimat gehindert.

Sein erfolgreicher Test in der Salzwüste von Lop Nor traf auch psychologisch ins Schwarze. Dies war Maos Antwort auf Johnsons Gipfelkonferenz in Manila, auf die sowjetisch-amerikanischen Gespräche über einen Atom-Sperr-Vertrag und auf die Friedensofferten in Vietnam. Seine Atomrakete hält die revolutionäre Begeisterung der Roten Garden am Leben, außerdem eignet sie sich großartig als Propagandawaffe gegen die Sowjetunion. Wenn erst einmal ein paar dieser Raketen startklar stehen, könnte die Drohung Maos die USA und die Sowjetunion zwingen, ein kostspieliges Anti-Raketen-Raketensystem aufzubauen.