Wahrlich hatte sich die Schwiegermutter von Wilhelm Boelcke, – dem Bruder des bekannten Kampffliegers aus dem Ersten Weltkrieg – nicht träumen lassen, daß ihr Name auf Lippenstiften, Nagellacken und Gesichtspuder in aller Welt bekannt würde. Es war 1952, als Wilhelm Boelcke, der einstige Generalstabsoffizier des kaiserlichen Heeres und Mitbegründer der Blendax-Werke in Mainz, sich den Kopf zerbrach, wie er nun eine neue Tochtergesellschaft nennen sollte. Dekorative Kosmetik, also Farbkosmetik, sollte auf dem Produktionsprogramm dieser jungen Gesellschaft stehen, ein für Deutschland noch völlig jungfräulicher Produktionszweig. Daher war ein "griffiger" Name vonnöten, eine typisch weibliche Bezeichnung, ein Symbol, das in aller Welt verstanden wurde.

Boelcke strapazierte seine Mitarbeiter, vornehmlich seinen Stellvertreter Helmut Schröder, der erst vor Monaten ins Geschäft gekommen war. Er bot Preise aus – und dann kam ihm selbst die Idee: Margarete Astor! "So hieß meine Schwiegermutter mit Mädchennamen – verwandt mit den weltberühmten Astors."

Margarete Astor – in den Weltsprachen ohne Schwierigkeiten aussprechbar – wurde ein Schlager. Aber das war nicht mehr Boelckes Verdienst, denn er wurde 1954 durch Unfalltod dahingerafft. Die Tatsache, daß dieses Kosmetikbaby auf dem deutschen Markt innerhalb von fünf Jahren eine führende Stellung einnehmen konnte, daß der Astor-Lippenstift mit 30 Prozent Marktanteil der meistgekauftedeutsche Lippenstift wurde, daß auch der Gesichtspuder die erste Stelle und der Nagellack den zweiten Rang in der Bundesrepublik eroberten, verdankt es dem Selfmademan Helmut Schröder.

Ein kurvenreicher Lebensweg führte diesen geborenen Verkäufer schließlich nach Mainz, der Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Und wenn er von der Terrasse seines Hauses in der Wiesbadener Händelstraße über das wellige Grün der hessischen Landeshauptstadt blickt – "hier wohnt man wie im Schwarzwald" –, dann denkt er oft und gern an den Beginn seiner Karriere zurück.

Der erste Teil des Berufsweges führte den Sohn eines biederen Verwaltungsbeamten – 1908 im thüringischen Lobenstein geboren – über kaufmännische Ausbildung, Tätigkeit im Hamburger Exporthandel, einigen Auslandsaufenthalten schließlich nach Berlin. Just 24 Jahre war er alt, als in der Kochstraße ein neues Firmenschild prangte: Helmut Schröder, Export & Großhandel. Spanien war der Hauptabnehmer der von diesem jugendlichen Unternehmer gelieferten Fernmeldegeräte und sonstigen Nachrichtenmittel.

Diese Apparaturen waren es auch, die den Kontakt zum Reichspostministerium brachten. Als das Ministerium kurz nach Kriegsanfang einen Sonderbevollmächtigten für wirtschaftliche Auslandsfragen suchte, fiel die Wahl so auf den wendigen Helmut Schröder.

Den deutschen Nullpunkt 1945 erlebte der nun überflüssig gewordene Sonderbevollmächtigte in seiner Heimatstadt. Seine zweite Karriere begann der Vollblut-Verkäufer mit der Produktion. Mit Freunden gründete er die Chemische Fabrik Bad Kissingen. Das Unternehmen produzierte, was damals so benötigt wurde – Reinigungsmittel und ähnliches. Das auch auf dem Produktionsprogramm stehende künstliche Menthol spannte die Brücke zu Blendax, wo ebenfalls ein Verkaufstalent regierte: Boelcke. Diese beiden, Boelcke und Schröder, lagen "auf der gleichen Welle", persönlich wie beruflich. So gliederte Helmut Schröder schon 1951 seine kleine Fabrik der Blendax-Gruppe an, bei der er als leitender Mitarbeiter eintrat.