Werner Frauendienst: Das Jahr 1866. Preußens Sieg die Vorstufe des Deutschen Reiches. Musterschmidt Verlag, Göttingen. 36 Seiten. 3,40 DM.

Als eine späte Frucht der Erinnerungen an die Zeit vor hundert Jahren ist diese kleine, aber inhaltsschwere Schrift erschienen. Wenige Wochen später ist der Autor gestorben. Das Büchlein beweist wieder, daß die deutsche Geschichtswissenschaft mit diesem gedankenreichen Kopf viel verloren hat.

Neu ist vor allem das Ergebnis seiner Forschungen über das Vorgehen der preußischen Regierung gegenüber den neugewonnenen Provinzen. Noch am 15. Juli, also nach dem Sieg bei Königgrätz, erwog Bismarck, aus Hessen, Nassau und Frankfurt einen eigenen Staat zwischen Nord und Süd zu schaffen. Mit den auch nach Königgrätz sich mehrenden militärischen Erfolgen schwand der Gedanke wieder.

Es kam dann zu den Härten, ja Roheiten bei der Behandlung der Stadt Frankfurt, die vor kurzem im Frankfurter Fernsehen zu späten Anklagen Frankfurter Bürger gegen Bismarck geführt haben. Im preußischen Lager gab es auch Gegner dieser Brutalitäten, an der Spitze das Königspaar. Aus Rücksicht auf den König, auf die allgemeine Stimmung in Deutschland, nicht zuletzt um der deutschen Zukunft willen lenkte Bismarck ein. Er bot den Frankfurtern große Sonderrechte, wenn sie sich mit der Einverleibung in Preußen einverstanden erklärten. Auf Verhandlungen freilich ließ er sich nicht ein. Sonderwünsche der Frankfurter, die über sein Angebot hinausgingen, beantwortete er mit dem Entschluß, die Stadt nach den preußischen Vorstellungen und Wünschen einzuverleiben.

Aber immer noch drängte der König auf Entgegenkommen. Schließlich fügte er zu der Entschädigung des preußischen Staates (für das in preußischen Besitz übergehende Vermögen der Stadt) in Höhe von zwei Millionen noch eine Million Taler aus seiner Privatschatulle hinzu, ein wahrhaft königliches Geschenk.

Lange Zeit war es strittig, ob die neuen Landesteile preußische Provinzen im überlieferten staatsrechtlichen Sinne oder nur durch die Person des Staatsoberhauptes, den König, mit dem preußischen Staat rechtlich verbunden werden sollten. Die Verhältnisse waren verwickelt. Der russische Zar sprach für seine Verwandten an den mittleren Fürstenhäusern. Der König wollte aus Legitimitätsgründen nur Teil-Annexionen. Den preußischen Konservativen war die Einverleibung aus ähnlichen Gründen unheimlich. Vertreibung von Fürsten durch einen konservativen Minister des Königs von Preußen! Ihre Welt geriet ins Schwanken. Nur aus Vasallentreue stimmten sie schließlich zu, als der König durch Bismarck für die volle Einverleibung gewonnen worden war.

Es ist schade, daß Frauendienst nicht Platz genug hatte, den Prozeß der Eingliederung ausführlich zu schildern’. So mußte er sich mit Andeutungen begnügen. Auch aus ihnen ergibt sich, daß die preußische Bürokratie einiges von ihrer alten Fähigkeit bewiesen hat, "alle deutschen Individualitäten in sich aufzunehmen, ohne sie aufzuheben". Vieles freilich von Bismarcks Plänen ist steckengeblieben, so seine Absicht, die Selbstverwaltung der Provinzen zu stärken. Auch sein starker Wille reichte nicht aus, das Assimilierungswerk zu vollenden: die Reichsgründung hatte ihn erschöpft, über Bismarcks Grundabsicht bleibt kein Zweifel: aus den Besiegten nun Staatsbürger zu machen, die sich stolz und freudig zu ihrem Gemeinwesen bekannten.