Vermutlich ist in Frauendiensts Nachlaß noch Genaueres über die preußische Annexions- wie die Assimilierungspolitik zu finden. Es wäre schön, wenn es den Nachlaßverwaltern gelänge, diese Ergebnisse seiner Arbeit einem größeren Kreise zugänglich zu machen. Was hier in dieser kleinen Schrift vorliegt, ist verheißungsvoll.

Aber der Rezensent mag sich nicht mit diesem Dank für die Forschungsarbeit eines Verstorbenen begnügen. Er möchte auch Kritik anmelden, und gerade da, wo Frauendienst nicht eigene Forschungen, sondern die sogenannten gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft vorträgt. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Historiker legt seit Jahrzehnten dar, welche Tragödie die Schlacht von Königgrätz für die Deutschen in Österreich bedeutet habe; auch Frauendienst, der Bismarcks staatsschöpferischen Leistungen unbefangen gegenübersteht, schließt sich ihr an. In einem einzigen seiner Sätze kann man zusammengefaßt lesen, was er über diese Tragödie denkt: "Abgesplittert vom großen alten Stamm, waren die Deutschen Österreichs zu schwach, um das Gleichgewicht und das friedliche Beisammensein der österreichischen Nationalität aufrechtzuhalten, geschweige denn zu beherrschen."

Das ist die Melodie, die am großartigsten Heinrich von Srbik vorgetragen hat, die auch immer wieder durch die Sprache anderer bedeutender Forscher klingt: Als Bismarck die Bande zwischen den österreichischen und den übrigen Deutschen zerriß, führte er sie in die hoffnungslose Vereinzelung inmitten des slawisch-madjarisch-italienisch-rumänischen Völkergewimmels. Damit nahm er ihnen die Möglichkeit, sich selber und damit die Donaumonarchie zu behaupten. Um Preußens willen, so darf man diese Thesen zusammenfassen, hat Bismarck die Deutschen in Österreich verraten.

Wo soviel erlauchte Geister ihre Stimme abgeben, sollte wohl Widerspruch nicht möglich sein. Aber Zweifel gehört zu den Quellen der Erkenntnis, und so wagt es der Rezensent, seine Bedenken vorzubringen. Wenn er die Bücher und Aufsätze der Gelehrtenzunft liest, dann hat er den Eindruck, für sie beginne die innere Auseinandersetzung in der Donaumonarchie erst nach 1866. Als wenn dieses Reich nicht schon 1848 in seine Bestandteile zerfallen wäre, als wenn nicht erst die Regimenter des Zaren damals der Bestand der Monarchie gerettet hätten! Schon zu Beginn der sechziger Jahre kam es zu Unruhen in den Straßen von Prag, lärmten die tschechischen Abgeordneten im Parlament. Schon damals hielten die Deutsch-Böhmen sich für bedroht; die heftigsten Streitigkeiten waren die Folge davon. In Benedeks Briefen kann man nachlesen, welche Sorgen der Heerführung das Nationalitätenproblem gemacht hat. Bei Königgrätz liefen Hunderte von Italienern und Rumänen zu den Preußen über; ihre Nation stand ihnen höher als die Treue zur Armee.

Immer wieder liest man: "Ja, aber nach Königgrätz, 1867, hat der Kaiser in den ‚Ausgleich‘ mit den Ungarn willigen müssen, der die eine Hälfte des Reiches ganz den Madjaren und ihrem staatsgefährlichen Nationalismus überließ. So wirkten Bismarcks Politik und der Preußen Sieg verderblich noch bis Budapest und Temesvar." Verwechslung der Zeiten! Die Verhandlungen über den Ausgleich begannen 1865. 1867 haben die Ungarn nicht mehr gefordert, als sie zwei Jahre vorher verlangt hatten. Der Ausgleich ist eine späte Folge der Niederlagen von Magenta und Solferino (1859), nicht der von Königgrätz. Und was Magenta und Solferino angeht: Sind sich die Kritiker Bismarcks darüber im klaren, daß die von ihnen gewünschte enge Zusammenarbeit mit Österreich zu einem grotesken Zustand hätte führen können, bei dem preußische, württembergische, bayerische Truppen für die habsburgische Herrschaft in Mailand hätten kämpfen müssen?

Wie oft ist Bismarcks "Machiavellismus" getadelt worden, der sich auch 1866 in dem Bündnis mit Italien gezeigt habe. Aber ohne dieses Bündnis hätten die schwarz-gelben Fahnen noch weiter in Venedig geflattert, und die Donaumonarchie hätte noch Tausende von widerspenstigen Staatsbürgern in ihren Grenzen mehr gehabt. Als hätte sie nicht gerade davon einen Überfluß gehabt!

Glaubt man denn, die Deutschen und die Tschechen hätten sich 1908 in den Straßen von Prag nicht geschlagen, wenn noch ein Minister des Kaisers in der Eschenburger Gasse zu Frankfurt präsidiert hätte? Die Rumänen in Ungarn hätten nicht ihre juristisch nur als Landesverrat zu bezeichnenden, moralisch verständlichen Beziehungen mit "ihrem" König in Bukarest gepflogen? Glaubt man tatsächlich, die Ungarn hätten sich nicht gegen die deutsche Kommandosprache aufgelehnt, wenn noch die hannoverschen, württembergischen, sächsischen Adeligen im Heer des Kaisers gedient hätten? Das sind doch alles Hirngespinste, die an der Wirklichkeit des zerfallenden Reiches vorbeigehen.