Daß die Deutschen in der Donaumonarchie ihre führende Stellung bedroht sehen mußten, daß sie, um mit Frauendienst zu sprechen, ihre vermittelnde, ja beherrschende Aufgabe nicht mehr erfüllen konnten, hat nichts mit Königgrätz und alles mit der übermächtigen Strömung des Jahrhunderts zu tun. Die Donaumonarchie paßte nicht in das Zeitalter der Nationalitäten, das war. das Entscheidende. Seit Herder und der Französischen Revolution waren die Völker der Donaumonarchie erwacht und mündig geworden. Die Verehrung für das Kaiserhaus genügte nicht mehr. Den großen innerpolitischen Aufgaben des Jahrhunderts gerecht zu werden, dazu hätte ein hohes Maß an Selbstbescheidung bei Deutschen und Ungarn gehört. Sie hätten die anderen Nationalitäten als gleichberechtigt anerkennen müssen.

Ob die Donaumonarchie als Staat erhalten geblieben wäre, wenn sie sich in einen Bund freier und gleichberechtigter Völker verwandelt hätte, das ist mit Sicherheit nicht zu sagen. Vielleicht wäre auch dann die nationalstaatliche Sehnsucht stärker gewesen als das Bewußtsein der Gemeinsamkeit. Immerhin hätte man es versuchen müssen. Bismarck hatte der Donaumonarchie dabei nicht genutzt, aber er hatte sie auch nicht gehindert. Die Aufgabe konnte nur in Wien, Prag, Budapest, Tarnopol, Kronstadt, Serajewo, Triest und Goerz gelöst werden; weder Berlin noch Frankfurt konnten dabei mehr geben als inoffizielle gute Ratschläge.

Nicht in dem angeblichen Verrat Bismarcks an den Deutschen in Österreich liegt das Problem seiner Politik gegenüber der Donaumonarchie. Die Schicksalsfrage war die nach den auswärtigen Verwicklungen des Reiches, die aus der Schwäche der Donaumonarchie herrührten, weil sie die Russen zu dem Glauben verführte, den Weg nach Konstantinopel auch über den Trümmern des Donaustaates zu finden und den zerfallenden Staat als Beute zu betrachten. Ihn gegen russische Angriffsabsichten zu schützen, hieß das Reich in Gefahr des Krieges führen, den dann – wie die Ereignisse seit 1914 gelehrt haben – der bedrohte Bundesgenosse doch nicht mit voller Kraft zu führen imstande war, eben weil der innere Hader ihn lähmte.

Wäre es nicht besser gewesen, Bismarck hätte ruhig zugesehen, wie der russische Stoß die Donaumonarchie zertrümmerte? Sah sein Kaiser, der das Bündnis nicht wollte, nicht weiter als er? Der Rezensent weiß, daß diese Frage viele Verwicklungen in sich schließt; er selbst kommt nach langer Überlegung (aus Gründen, die aufzuzählen hier zu weit führen würde) immer zu dem Schluß, daß sie zu verneinen sei. Aber er meint, daß hier die Untersuchungen einsetzen müssen, und nicht bei der angeblichen Schuld Bismarcks an der Vereinsamung der Deutsch-Österreicher. Paul Sethe